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„Ceterum censeo consilium esse finiendum!“ (Folge 40)

Widerwillig tritt das Gremium zusammen. Erst als der Konsul zum wiederholten Male und mit Nachdruck darum bittet, die Plätze einzunehmen, lösen sich die Gesprächskreise auf und die Senatoren trotten gemächlich zu ihren Bänken, wobei die älteren ihr Gewohnheitsrecht der hinteren Sitzreihen durchsetzen und den jüngeren nur die vorderen Reihen unter den wachsamen Augen der Magistraten übrigbleiben.

Nach der knappen Begrüßung folgen einzelne Berichte aus verschiedenen Teilen des Imperiums, die der routinierte Zuhörer schweigend abwartet. Man serviert nun eher leichte Kost, keine Abstimmungen, nur Vorstellungen und Informationen, die die Redelust weder der Emporkömmlinge noch der Alteingesessenen reizen.

Beim Umtrunk in der Sitzungspause haben sich die alten Reihen wieder geschlossen. Hier kann sich der Unmut über Vergangenes und Kommendes ungezügelt Bahn brechen, bevor die Senatoren dann wieder zurück auf ihre Bänke schlurfen, um dem zweiten Teil beizuwohnen.

Nun endlich verspricht es interessant zu werden. Für heute wurde ein gewichtiger Antrag zur Geschäftsordnung des Senats eingebracht, in letzter Minute fanden jedoch noch zwei weitere konkurrierende Anträge ihren Weg zum Konsul. Dieser fordert die Parteien auf, ihren Standpunkt darzulegen. Einer der Magistraten führt unter dem wohlwollenden Blick des Konsuls die zuvor ausgearbeiteten Argumente ins Feld, was bei den Hinterbänklern zu erstem unwilligem Kopfschütteln und leisem Raunen aufrührerischer Thesen führt. Der zweite Konsul nickt zu den Ausführungen des Magistraten gewichtig und lässt seine Blick über das Collegium schweifen. Hat er es doch bisher immer ausgezeichnet verstanden, die nötigen Mehrheiten zu organisieren, so lassen heute Anspannung und Sorge seine Stirnfalte wachsen – insgeheim zweifelt er daran, dass der Antrag das nötige Quorum findet.

Der Konsul dankt für die Rede und erteilt den Wortführern der Konkurrenz die Erlaubnis, ihrerseits um Stimmen zu buhlen, auch wenn er seine Abneigung kaum verhehlen kann. Diese, im Reden ungeübt, mühen sich redlich, müssen jedoch letztlich auf die inhaltliche Kraft ihrer Argumente vertrauen, das auszubügeln, was ihnen im Rhetorischen fehlt. Die Fraktion der Konsularen, grau auf dem Scheitel, doch in den Augen noch immer das Feuer der Gründerzeit tragend, sieht die Tradition des Imperiums in Gefahr und spricht sich gegen jegliche Änderung der Geschäftsordnung aus. Ein junger Volkstribun erhebt sich, um wie in jeder Sitzung Gehör einzufordern, wofür er stets den Spott der Hinterbänkler erntet. Demonstrativ richten sich nun viele Augenpaare auf die mitgebrachten Postillen, die zuvor verschämt in den Falten der Toga verborgen waren, nun aber offen ausgebreitet werden. Des Volkstribunen Stimme, sich beinahe überschlagend, redet dem Konkurrenzantrag das Wort, verhallt jedoch größtenteils ungehört.

Der Konsul lässt die Rednerliste schließen, entgegen den Statuten des hohen Hauses, denen zufolge doch eigentlich jedem Mitglied unbegrenzte Redezeit zusteht, bis die Sonne untergeht (wobei auch diese gewissermaßen göttliche Grenze schon oft überschritten wurde). Man dringt nun auf die Abstimmung. Krüge werden herumgereicht, Scherben hineingeworfen. Dann die Auszählung. Mit sorgenvollem Gesicht verkündet der Prätor das Ergebnis: Keine Mehrheit für den Antrag des Konsulats. Schockstarre im Gremium. Der zweite Konsul blickt ins Leere. Es schließen sich in kurzer Folge zwei weitere Urnengänge für die alternativen Anträge an, doch keinem ist eine gnädige Mehrheit unter den Senatoren beschieden. In die allgemeine Ratlosigkeit hinein verkündet der Konsul, dass nun hiermit der kleinstmögliche Kompromiss beschlossen sei. Kopfschütteln allerorten. Hier wurde eine historische Chance versäumt, das ahnen viele der Anwesenden. Als der Konsul sich zu einem einigermaßen versöhnlichen Abschied erhebt und für die Teilnahme dankt, blicken viele mit einem Stoßseufzer zu den Göttern auf die Zeitmesser. Heute sind sie wieder vier Stunden älter geworden, doch nicht vier Stunden weiser. Vielleicht beim nächsten Mal, wenn sich das hohe Haus wieder trifft und die Zeichen günstig stehen.

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