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„Frage nicht nach Wundern – wundere dich über Fragen!“ (Folge 45)

Wie schnell läuft der schnellste Mann der Welt?

Könnten eine Milliarde Bienen ein Flugzeug tragen?

Warum lässt Gott zu, dass die Menschen seine Erde zerstören?

Warum gibt es die Zahl Zehnunddreißig nicht?

Wieso bekommen beim Fußball nicht beide Mannschaften einen Ball?

Wie lange bräuchte man, um Russland von West nach Ost zu durchwandern?

Könnt ihr noch?

Mit solchen Fragen werde ich momentan täglich konfrontiert. Die Fragensteller – hartnäckig, kreativ, ausdauernd – verlangen meiner Fermi-Aufgaben-Verarbeitungskapazität* alles ab. Google fragen kann ja jeder, aber manchmal bin ich kurz davor, es zu tun, um das Bombardement zumindest abzumildern. Beenden lässt es sich ja nicht, pflanzt doch jede Antwort den Samen für die nächste Frage, wenn nicht gar einen ganzen Wald von Fragen. Im Grunde meines Herzens will ich auch nicht, dass es aufhört. Fragen sind toll.

Meine Fragesteller sind vier und sechs Jahre alt. In zehn Jahren sind sie vierzehn und sechzehn. Entwickeln Sie sich wie die meisten Kinder, dann wird das Fragenbombardement zu jenem Zeitpunkt weitaus geringer ausfallen. Ladehemmung statt Schnellfeuer. Wenn ich eine gewagte These aufstellen darf, würde ich behaupten, die Anzahl der geäußerten Fragen eines Kindes pro Tag sinkt mit der Zeit exponentiell**. Das bedeutet auch, dass die Null niemals ganz erreicht wird – auch im Alter von 14 bis 17 Jahren nicht – sondern sich der Wert immer knapp darüber aufhält. Lehrkräfte wissen, wovon ich rede – es sind die Schuljahre, in denen man ersthaft überlegt, Fragen nach dem Toilettengang oder der Pflicht, das Tafelbild ins Heft zu übernehmen, als mündliche Beteiligung zu werten, weil das Konto ansonsten leer bliebe. Wie oft habe ich schon Schülerinnen und Schüler dazu animiert, Fragen zu stellen? Wenn schon keine „schlauen“, inhaltlich weiterführenden, in die Tiefe gehenden, dann doch wenigstens Verständnissicherungsfragen! Und wie oft blickte ich in leere Gesichter.

Sind die Jugendlichen so abgestumpft, glauben sie, alle Fragen bereits beantwortet zu wissen, ist ihre Neugier von der Routine des Alltags erstickt worden? Ich möchte das lieber nicht glauben. Ganz sicher sind die Fragen da, kommen jedoch nicht mehr an die Oberfläche. Weil der oder die potentielle Fragenstellerin um das persönliche Image fürchtet („Die hat’s ja wohl echt nötig…!“). Weil andere Dinge gerade viel drängendere Fragen aufwerfen als das lyrische Ich oder irrationale Zahlen. Oder weil die Person vor der Tafel gerade nicht diejenige ist, mit der man gerne mehr als zwei Worte wechselt.

Geschenkt. Wer diese Jahre der Einzelhaft im eigenen Gehirn überstanden hat, nickt verständnisvoll. Entscheidend ist, dass man sich die Fähigkeit des Wunderns, des Staunens, des Fragenstellens, des Wissenwollens bewahrt. Den Wald der Millionen von Fragen nicht achtlos durchquert, sondern innehält, um einen bestimmten Baum zu bewundern. Robert Koch soll einmal gesagt haben: „Die Frage ist so gut, dass ich sie nicht durch meine Antwort verderben möchte.“

 

Denn es gibt noch eine andere Spezies, im Volksmund „Homo klugscheißerensis“ genannt. Bei ihren Angehörigen ist nicht nur die Anzahl der Fragen exponentiell gesunken, sondern die der Antworten im gleichen Maße exponentiell gewachsen. Zwangsläufig werden also auch hin und wieder Antworten auf Fragen gegeben, die nie gestellt wurden. Die Angehörigen dieser Spezies treten schon im zarten Grundschulalter mit der gefährlichen Nonchalance eines Universitätsprofessors auf und verbreiten aufgeschnapptes (oder von adulten Individuen ihrer Spezies nachgeplappertes) Halb- bis Nichtwissen als in Beton gegossene Wahrheit. Alle von außen kommenden Fakten werden ignoriert oder abgebügelt, was auch den unangenehmen Nebeneffekt hat, dass sich solche Zeitgenossen über nichts mehr wundern, keine Augenbraue mehr hochziehen, für jede Erzählung nur eine abwinkende Handbewegung übrig haben. Da kriege ich vor Wut eine Gänsehaut.

Wie wäre es mit einem Wettbewerb: Die beste Schülerfrage des Schuljahres? Der Gewinner oder die Gewinnerin bekommt am Ende das goldene Fragezeichen?  Aber: „Kann ich mal aufs Klo?“ zählt nicht.

* Enrico Fermi (1901-1954), italienisch-amerikanischer Kernpyhsiker, bekannt für seine genialen Abschätzungen unzugänglicher Zahlenwerte und seine mathematische Intuition.

** doch, das hatten wir schonmal so ähnlich, siehe Folge 42 (Alarmstufe rosa!)

IGS-aurich.de
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