Lesung des Buches „Ich pflanze einen Flieder für dich” an der IGS Aurich konfrontiert mit dem Schicksal einer Auricher Jüdin und den Verbrechen des Nationalsozialismus

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(HH) Im Forum der Integrierten Gesamtschule in Aurich herrscht sonst reges Treiben. Am 23.01. um 9:40 Uhr ist das anders. Mit gespannter Neugier und nur einer Ahnung von den Schrecken der NS-Diktatur im Kopf, lauschen die Schülerinnen und Schülern der neunten und zehnten Jahrgangsstufe dem Lehrer und Fachbereichsleiter für Gesellschaftslehre Alexander Wiebel, der in die Thematik der Lesung einführt. Er erläutert, dass nach 1933 Personen jüdischen Glaubens, Homosexuelle, Sinti und Roma, Behinderte und politische Gegner der Nationalsozialisten systematisch unterdrückt und verfolgt wurden – auch in Ostfriesland.

Die Tatsache, dass diese Grausamkeiten auch in Aurich passierten, gestaltet die Veranstaltung für die meisten Zuhörer fassbarer, authentischer. Plötzlich nehmen die Texte aus den Schulbüchern konkrete Formen an und berühren emotional. Man hört die Worte des jungen Mädchens Hannelore Wolff, das im Berliner Internat nur durch einen Brief der Mutter vom Tod des Vaters im Arbeitslager erfährt – Todesursache unbekannt, wie es zynisch im Schreiben heißt.

Schließlich wird auch Hannelore deportiert, interniert in verschiedene Lager, täglich gedemütigt, misshandelt, gepeinigt.

Durch ihre Berichte von physischen und psychischen Qualen zieht sich trotz allem etwas Positives: Es sind die Gelegenheiten, in denen sie sich im Traum ihren Erinnerungen hingibt, sich zurückzieht zum wunderschönen Fliederbaum im Garten des Elternhauses, in dem sie die glücklichsten Stunden ihrer Kindheit verbracht hat. Und so gibt ihr auch der junge polnische Zwangsarbeiter, den sie im Konzentrationslager kennenlernt, ein Versprechen: Ich pflanze einen Flieder für dich.

Hannelore Wolff und ihr Partner überleben. Wie durch ein Wunder gelangen ihre Namen auf Schindlers Liste und werden so gerettet.

Ihre Erinnerungen schrieb die in die USA gewanderte Frau, die mittlerweile Laura Hillman heißt, im Alter von 80 Jahren endlich auf, nicht in ihrer Muttersprache. Adrian Mills lieferte dazu die Übersetzung. Dass diese Arbeit weit über das Finden von Begriffsentsprechungen hinausgeht, merkt man ihm deutlich an. Die Lesung ist so nicht nur von Hillmans Worten geprägt, sondern auch von Mills Stimme, die ganz ohne Pathos eindringlich das Geschilderte bewusstmacht.

 

Mills liest ausgewählte Abschnitte und lässt Abschnitte aus, die jeder – wie er sagt - besser für sich allein lesen sollte. Die Unsagbarkeiten sind also nur angedeutet und doch sind die Schülerinnen und Schüler nach der Lesung betroffen. Darüber, dass das Zuschippen von Massengräbern und Selektion in Auschwitz noch nicht die schlimmsten Erlebnisse gewesen sein sollen, darüber, dass ein Mensch so viel Leid ertragen muss und darüber, dass dies alles auch in ihrer Heimat, in Aurich stattgefunden hat.

Am Abend des 23.01. liest Mills noch einmal für die interessierte Öffentlichkeit. Vor der Lesung ist die Stimmung gelöst, man ist historisch informiert, gefasst auf das, wovon man berichtet bekommen wird. Schnell stellt man fest, dem ist nicht so. Auch das erwachsene Publikum ist tief gerührt, betrübt von den Worten und Erlebnissen. Oft kommt die unbedarfte, jugendliche Lebenshaltung der jungen Hannelore zum Ausdruck und wirkt so doppelt kontrastierend zum menschenverachtenden Vernichtungssystem, dem sie nur knapp entkommt.

Als die Zuhörer wieder Worte fassen, klingt es deutlich heraus: Wir brauchen das Erinnern, gegen das Vergessen. Wir brauchen solche Lesungen, Vorträge, Erinnerungen von Zeitzeugen, um unsere Gesellschaft davor zu bewahren, antisemitischen, nationalistischen und rassistischen Tendenzen Raum zu geben.

Ein Beitrag zu dieser Erinnerungsarbeit sind Stolpersteine. Für die Mitglieder der Familie Wolff wurden bereits Stolpersteine in Aurich verlegt. Für ein weiteres Projekt wurden an diesem Abend Spenden gesammelt. Freudestrahlend verkündet die Organisatorin der Lesungen, die Lehrerin Katrin Vrba, dass über 200 Euro zusammengekommen sind. „Damit ist unser Vorhaben gesichert.“ Diese Aktion wolle man nun zeitnah angehen.

Im Mai liest Mills im Historischen Museum der Stadt Aurich erneut aus „Ich pflanze einen Flieder für dich“.

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