(Jasper, JG 10) Der Englischkurs von (HE) behandelte dieses Halbjahr die Todesstrafe als Thema. Um zu lernen wie der Alltag als Häftling im Todestrakt abläuft und um sonstige Fragen zu stellen, schrieb der gesamte Englischkurs Briefe an Todestraktinsassen in US-Gefängnissen. Den Schülern wurde freigestellt, ob sie ihren Brief absenden wollten oder nicht. Außerdem durften der Nachname, die eigene Adresse und sonstige persönliche Daten nicht angegeben werden. Nach ein paar Wochen gab es drei Briefe aus San Quentin, Kalifornien und Terre Haute, Indiana zurück.

Die Insassen berichteten über ihren tristen Alltag im Todestrakt und beantworteten die persönlichen Fragen. Ein Häftling berichtete davon, dass er seit 15 Jahren 23 Stunden pro Tag in seiner festerlosen Zelle sitzt. Einmal am Tag darf er alleine in einem Käfig auf dem Gefängnishof das Tageslicht sehen. Seit 12 Jahren hatte er keinen Körperkontakt zu einem Menschen (nicht einmal ein Handschlag).

(Lara, JG 10) Mir gingen viele Gedanken durch den Kopf: Was soll ich jemandem schreiben, der in der Lage dazu war, jemanden umzubringen. Ich fing an, mich eher auf das zu beziehen, was wir gemeinsam haben, nämlich das Reisen. Nur mit dem Unterschied, dass er schon einmal gereist ist. Wir konnten uns austauschen und Neues über den anderen lernen. Er schrieb sehr höflich und es kam mir nicht so vor, als würde ich mit jemandem schreiben der einen Mord begangen hat. Ich hätte nicht gedacht, dass es sich so vertraut anfühlt und wir direkt auf einer Wellenlänge sind. Ich werde ihm wieder zurück schreiben, weil er mir viele Fragen gestellt hat und ich sehr gespannt bin, ob er mir wieder antwortet.

(Wolke, JG 10) Für mich war und ist es immer schon schwer, mir bewusst zu werden, dass irgendwo Menschen in Gefangenschaft leben und auf ihr Todesurteil oder vielleicht schon auf die sichere Hinrichtung warten; ob unschuldig oder schuldig sei dahingestellt.

Auch als wir in meinem Englischkurs anfingen, darüber zu reden, über Statistiken, Tatsachen und Wahrscheinlichkeiten zum Thema „Death Penalty“, konnte ich das trotzdem nicht wirklich realisieren. Und den Brief an William Barnes, einen Todestrakt-Häftling, schrieb ich zwar in dem Wissen, was ihm vorgeworfen und ihm passieren wird, aber wirklich realisiert habe ich das erst, als ich die Antwort von ihm erhalten hatte. Er schrieb vor allem über Lyrik und seine Gefühle.

Letters from Death Rowkl

Mit einigen anderen Insassen hat er ein Buch geschrieben: „You'll Be Smarter Than Us“. Das und seine generelle Schreibweise wirken, als würde er seine Tat bereuen, falls seine Beteuerungen nicht wahr sein sollten, dass er unschuldig ist.
Ich werde ihm definitiv zurückschreiben. Anfangs empfand ich es als etwas unfair, das Gefangensein der Gefangenen für einen positiven Lerneffekt „auszunutzen“, doch empfinde ich es jetzt nicht mehr so, weil ich mir der wirklichen Existenz und Gefühle des Gegenübers bewusst bin und mir klar geworden bin, dass es sich hier nicht mehr um eine normale Schulaufgabe handelt, auch weil er mich bat, ihm weiterhin zu schreiben.

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