Neulich im Lateinunterricht des 13. Jahrgangs. Thema ist der Ausbruch des Krieges, den das römische Volk gegen den numidischen Egomanen Jugurtha führt. Die Schülerinnen und Schüler bringen ungefragt eigene Impulse in das Unterrichtsgespräch ein (Frechheit!) und tun ihre Meinung kund, es seien ja fast alle Kriege in der Geschichte der Menschheit unter einem Vorwand angezettelt worden. Hastig werden die größeren bewaffneten Konflikte der jüngeren Vergangenheit auf irgendwelche Vorwände abgeklopft (Zweiter Weltkrieg? Vietnam?) und durchgewinkt, da lässt sich der Lehrer zu der Bemerkung hinreißen, selbst die Populärkultur verwende dieses Motiv, man denke nur an den Imperator aus Star Wars, der eine ominöse Bedrohung seiner Republik erschafft, nur um dann eine Armee aufstellen und gegen die Bedrohung Krieg führen zu können (die Armee behält er natürlich hinterher, kann man fürs eigene Imperium ja gut gebrauchen).

Totenstille.

Dann hysterisches Kichern aus der letzten Reihe (und Raum 5107 besteht gefühlt nur aus letzten Reihen!). Fragendes Stirnrunzeln beim Lehrer. „Nun ja, wir hätten nicht gedacht, dass Sie sich mit Star Wars auskennen.“ Selten hat sich der Lehrer so alt gefühlt wie jetzt. 

Wir leben im Jahr 2016, aber die Vorurteile der Schülerschaft über „den Lehrkörper“ sind anscheinend dieselben wie vor zwanzig, vielleicht sogar fünfzig Jahren – hier eine kleine Auswahl der gängigsten Klischees:

Lehrerinnen und Lehrer interessieren sich in erster Linie für „ihr“ Fach, als Urlaubslektüre dienen selbstverständlich Schulbücher und Reclamhefte, ansonsten sind sie hauptsächlich in der Oper oder im Theater anzutreffen (mit Abo!), Urlaub wird mit dem Wohnmobil in Schweden oder Kanada gemacht und die Welt der Schülerinnen und Schüler ist ihnen so fern wie dem römischen Senat ein Hip-Hop-Konzert.

Hat sich der eine oder die andere wiedererkannt?

Tut mir leid, das war nicht meine Absicht.

Faszinierend aber zu sehen, dass sich unter Schülern offenbar immer noch der Glaube hält, mit dem Erhalt der Verbeamtungsurkunde würde die ursprüngliche Persönlichkeit entfernt und durch eine neue, eine Lehrerpersönlichkeit (das Wort gibt es wirklich!) ersetzt.

Natürlich enthält diese Legende wie immer ein Körnchen Wahrheit: Wir Lehrkräfte müssen eine Rolle spielen, wenn wir uns in der Schule aufhalten – schon aus Selbstschutz und Abgrenzung zwischen privater und öffentlicher Persönlichkeit. Hier jedoch enden die Gemeinsamkeiten: Während der eine auf Rollenverständnis pfeift und sich der Schülerschaft geradezu anbiedert, hat die andere die Rolle perfektioniert und kann blitzschnell zwischen Privatperson und Lehrer umschalten. Das Ganze ist natürlich eine Gratwanderung: Schafft man zuviel Distanz zwischen sich und die Lernenden, läuft man Gefahr, das Schülerklischee zu erfüllen; sucht man hingegen ihre Nähe, fehlt die Abgrenzung.

Im Gespräch mit den Kindergärtnerinnen meines Sohnes durfte ich letztens erfahren, dass viele Kindergartenkinder glauben, die Erzieherinnen würden im Kindergarten leben. Bleibt zu hoffen, dass unsere Schülerinnen und Schüler das nicht auch von uns glauben.

In diesem Sinne: Möge der Zeitgeist mit euch sein!

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