Heute mal ein wenig Mathematik zum Einstieg. Oder, damit ihr nicht gleich aufhört zu lesen (das Wort Mathematik gehört nicht gerade zu den Eyecatchern der deutschen Sprache), sagen wir: Ein einführendes, anschauliches Beispiel. Besser? Dann los. Stellt euch eine Gerade vor, also eine Linie ohne Anfang und Ende. Diese Linie besteht aus Zahlen, kleine, große, gerade, ungerade, positive, negative, glatte und krumme. Nun könnte man sagen: Die einzelne Zahl ist unbedeutend – was zählt, ist das große Ganze, die Zahlengerade. Stimmt ja auch: Die Zahlengerade enthält alle Zahlen, die man im Alltag so gebrauchen kann. Es gibt jedoch einige Zahlen, die man unbedingt näher betrachten sollte, weil sie so interessante Eigenschaften haben: Null gehört dazu, Pi, 42, 1729 usw. Vor diesen Zahlen sollte man einmal kurz stehenbleiben und ihre Bedeutung würdigen.

He, aufwachen, ihr da in der letzten Reihe!

Jetzt stellt euch statt der Zahlengeraden eine Zeitgerade vor. Wer schafft selbständig den Transfer? Richtig, die Zeitgerade besteht aus Momenten, Augenblicken, Sekunden, wie auch immer. Und natürlich liegt auch hier der Blick auf das große Ganze nahe: Was kümmert mich die einzelne Schulstunde/Arbeitsphase/Hausaufgabe – das Schuljahr muss „rund“ sein!

Ja – und nein. Es gibt Momente, die muss man ebenso wie die interessanten Zahlen würdigen, sich vor ihnen verbeugen, sie innerlich feiern, ein geistiges Foto machen, irgendetwas – nur nicht einfach verstreichen lassen. Es sind auch, aber nicht nur schöne Momente, das ist ganz wichtig. Ein gewisser Zauber aber wohnt ihnen allen inne.

Da ist die Kollegin, die aus dem Unterricht kommt und im Lehrerzimmer am Tisch plötzlich und unerwartet in Tränen ausbricht – die Verzweiflung über so unterschiedliche Lebenschancen ihrer Schüler hat sie übermannt. Da ist der Kollege, der eine mittelmäßige Gesamtkonferenz mit zwei, drei ärgerlich dahingeworfenen Sätzen auf den Kopf stellt. Da ist die Schülerin, die eine schon hundertmal behandelte Aufgabe plötzlich mit einer vollkommen neuen Herangehensweise präsentiert, an die der Lehrer nicht im Traum gedacht hatte. Da ist der Schüler, der die Klasse bittet, ihre Wut nicht an seinem Peiniger auszulassen.

Da ist der verwirrte Blick eines Schülers, den man gerade zum ersten Mal aufrichtig gelobt hat – er hatte dieses Gefühl bisher nicht gekannt. Da ist das Gespräch mit einem nie zuvor gesehenen Kollegen, mit dem man reden kann, als hätte man sich schon immer gekannt.

Da ist der völlig eskalierende Streit mit einer problematischen Schülerin, in dessen Verlauf man feststellt, wie laut man eigentlich schreien kann.
Da ist die Schülerin, die mitten im Unterricht plötzlich eine private Frage stellt, die man sich selbst noch nie gestellt hat.
Und da ist natürlich – immer wieder – das „Ah!“, der Moment, in dem Erkenntnis, Lernfortschritt, Erfolg plötzlich greifbar wird. Das ist Schule, Baby!

Hausaufgabe zum nächsten Mal: Legt euch ein geistiges Fotoalbum solcher Momente an und holt es während der nächsten Sinnkrise heraus, um darin zu blättern. Wer unbedingt eine Eins haben will, darf mir das Album gerne auch in schriftlicher Form zukommen lassen. 
Das wäre dann ein weiterer Moment für mein Album.

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