Wir Lehrkräfte sind ja Handwerker im weitesten Sinne. Übergibt man uns doch regelmäßig „Menschenmaterial“ (rettet das Unwort des 20. Jahrhunderts!) um damit zu „arbeiten“, ja es sogar zu „formen“. Aber da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Zum Glück. Denn man stelle sich vor, Lehrkräfte würden auch das Gebaren und die Sprache von Handwerkern übernehmen (ganz zu schweigen vom Arbeitsbeginn!1). Ein Gedankenexperiment, dem ich heute einmal nachgehen möchte:

Folgende Situation: Lehrer Schmidtke und Frau Hanssen, Mutter von Kai-Kevin, im Gespräch nach der Begutachtung des Sohnes zur Anmeldung an der weiterführenden Schule. Lehrer Schmidtke macht während des gesamten Gespräches ein sorgenvolles, aber mitfühlendes Gesicht.

Schmidtke: „Tja, Frau Hanssen, wo soll ich anfangen? Ich hab mir Ihren Sprössling ja mal angesehen…“

Hanssen (angstvoll): „Ja…und?“

Schmidtke (lehnt sich zurück, blickt aus dem Fenster): „Also, ich sach mal so: Normalerweise hat das hier keinen Sinn mit Kai-Kevin. Da ist so viel im Argen, da können wir hier mit unseren Mitteln eigentlich gar nichts mehr machen.“

Hanssen: „Ja, aber…“

Schmidtke: „Um es genau zu sagen, Frau Hanssen, viele meiner Kolleginnen und Kollegen sind für so jemanden wie Kai-Kevin gar nicht ausgebildet. Nur mal so.“

Hanssen: „Hm, ja, aber wo liegen denn da die Probleme?“

Schmidtke (pustet geräuschvoll aus): „Tja, das geht beim kleinen Einmaleins los und hört beim Satzbau auf. Im Grunde ist der gar nicht mehr beschulbar.“

Hanssen (klammert sich an ihrer Tasche fest): „Kann man da denn gar nichts machen?“

Schmidtke (beugt sich bedeutungsvoll vor): „Frau Hanssen, manchmal muss man sich von Sachen, die nicht funktionieren, verabschieden.“

Hanssen: „Wie meinen Sie das denn?“

Schmidtke: „Haben Sie mal an Adoption gedacht? Gerade im asiatischen Bereich haben wir da ganz gute Erfahrungen gemacht… also leistungsmäßig können unsere da oft gar nicht mithalten.“

Hanssen: „Ich weiß nicht…ich wollte eigentlich nicht noch ein Kind…“

Schmidtke (lehnt sich wieder zurück): „Tja…Frau Hanssen, Sie müssen sich darüber im Klaren sein, was Sie eigentlich wollen. Und mit Leistungen sieht es bei Kai-Kevin ganz mau aus. Ganz mau.“

Hanssen: „Ich weiß nicht… und wenn er doch erstmal hier zur Schule geht?“

1: Der Verfasser distanziert sich hiermit ausdrücklich von Witzen über handwerkliche Berufe und deren Ausübende. Die hier getätigten satirisch überhöhten Aussagen entstammen eigenen Alltagserfahrungen und sind nicht etwa als Verallgemeinerung zu verstehen.

 

Schmidtke: „Das müssen Sie wissen. Aber Garantien kann ich Ihnen da keine geben.“

Schnitt. Nächste Szene. Kai-Kevin bekommt von der Jahrgangsleiterin sein Zeugnis des Realschulabschlusses nach der zehnten Klasse überreicht und ist stolz wie Bolle. Beim anschließenden Umtrunk treffen Lehrer Schmidtke und Frau Hanssen wieder aufeinander.

Hanssen (ein wenig entrüstet): „Herr Schmidtke…ja also das ist ja ganz anders gelaufen als Sie damals gesagt haben!“

Schmidtke (zuckt mit den Schultern): „Tja nu, Frau Hanssen, da stecken wir als Lehrkräfte auch nicht drin. Da gibt’s immer wieder mal Überraschungen.“

Hanssen: „Kai-Kevin hat in all den Jahren keine einzige Fünf geschrieben. Wie erklären Sie dich das denn?“

Schmidtke: „Tja, da war die Grundlage wohl doch stabiler als gedacht. Das hat man wohl mal. Seien Sie doch froh, Frau Hanssen. Prost!“

 

 

 

 

 

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