Gottesdienst um neun, Feierlichkeiten vor Ort um zehn, danach eine Tasse Kaffee, um zwölf dann ausgiebiges Mittagessen (es wird gegrillt), geselliges Beisammensein, am Nachmittag dann nochmals Kaffee und Kuchen, begleitend dazu ein Theaterstück, in dem man das bisherige Leben der Hauptperson noch einmal Revue passieren lässt, Rückkehr nach Hause nicht vor 17:30 Uhr. Ach ja, das Ganze zusammen mit etwa dreißig Gästen. Ächz.

Die Rede ist hier nicht etwa von einer Konfirmation oder gar Hochzeit – ich spreche vom mittlerweile allgemein akzeptierten Rahmen einer Einschulung in die erste Klasse! Was heute immer mehr einem logistischen Großeinsatz gleicht, für den sämtliche Register der Eventkultur gezogen werden (ich sage nur: Farbkonzept, Nebenprogramm, Cateringservice), gestaltete sich noch zu meinen Zeiten (also vor 30 Jahren) etwa so: Gottesdienst um zehn, dann Feierlichkeiten vor Ort um elf, kurzes Posieren mit den Klassenkameraden im neuen Klassenraum, um zwölf dann nach Hause, Schultüte auspacken, Hände waschen, Essen im Kreis der Familie, also der Kernfamilie (4 Personen!), Ende des Feiertags.

Ähnliches galt beim Schulabschluss: Zeugnis, ein feuchter Händedruck, huldvolles Lächeln des Klassenlehrers, Abgang von der Bühne, bitte Stühle beim Hinausgehen links aufstapeln.

Heute ist der Schulabschluss der 9. oder 10. Klasse ein ähnliches Großereignis wie die Einschulung, so bedeutend, dass sich ein ganzer Industriezweig seiner Vermarktung gewidmet hat. Jetzt erleben wir das Spiegelbild des Einschulungswahnsinns am anderen Ende des Tunnels Schule: So kann man allein zum Thema Abschluss-T-Shirt Suchergebnisse scrollen bis der Arzt kommt, von Abschlusspartyzubehör und speziell buchbaren Abschlussreisen (Motto: Druckbetankung in Lloret de Mar) ganz zu schweigen.

Das alles bleibt nicht ohne Folgen für den Schulalltag: Wochenlang beschäftigt Komitees, Arbeitsgruppen und Klassenstunden die Frage nach dem richtigen T-Shirt, den optimalen Klamotten für den Abschlussball und den besten fünf Mottos für die Mottowoche (die dann allerdings frappierend an die fünf Mottos des Vorjahres erinnern).

Was steckt hinter diesem Feierwahnsinn? Die Diktatur der Partyrepublik? Der Siegeszug der Individualisierung? Der kategorische Imperativ der Spaßgesellschaft? - Feiere deinen Abschluss so, dass das Ausmaß deiner Feierlichkeiten jederzeit Grund zum Übertrumpfen für eine andere Schule sein könnte? Sicherlich ein schönes Forschungsgebiet für einen Sozialwissenschaftler.

Das Ende der Schullaufbahn ist ein Einschnitt, ohne Frage. Da wollen Berge über Jahre aufgestauter Emotionen sich irgendwo Bahn brechen. Dürfen sie auch. Aber gerade wenn der Feiersturm am lautesten tobt, lohnt es sich ins Auge des Orkans zurückzuziehen und auch den leisen Tönen zuzuhören: Was ist passiert in diesen zehn Jahren zwischen Einschulungsfestival und Abschlussmarathon? Was nehmen unsere Schülerinnen und Schüler mit? Wer hat einen dauerhaften Platz in ihrem Leben erobert? Schiller, Pythagoras, Buddha, Newton, Mozart, Marx? Vielleicht. Und sonst? Freundschaften, vielleicht sogar Liebe? Die Erfahrung einer Gemeinschaft? Eine Inspiration, welcher Beruf der richtige sein könnte? Die Erkenntnis, sich selbst weiterentwickelt zu haben? Oder gar das gute Gefühl, erkannt zu haben, was im Leben wichtig ist? Das, finde ich, das sollte man feiern. Bis der Arzt kommt. Yeah.

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