Berlin, 11. November 1989. Der Ost-Berliner SED-Chef Günter Schabowski spricht in einer Pressekonferenz die Worte: „Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen.“, und fügt auf Nachfrage eines Journalisten, wann diese Regelung in Kraft trete, hinzu: „Das tritt nach meiner Kenntnis…ist das sofort, unverzüglich.“ Ein Paukenschlag der Geschichte. Wildfremde Menschen fallen sich auf der Straße weinend und lachend zugleich in die Arme.

Aurich, 9. Mai 2016. Gleichzeitig informieren die Schulleiter der IGS Aurich-West und der IGS Waldschule Egels (informell immer schon „IGS Ost“) ihre Kollegien über die geplante Zusammenlegung beider Schulen. Doch sich in den Armen liegende und lachende Menschen sucht man hüben wie drüben vergebens, die Stimmung gleicht eher einem ratlosen, schulterzuckenden „Naja, dann…“

Der historische Vergleich der Ost-West-Vereinigung kann vor Hinken kaum noch laufen, es zeigen sich aber durchaus einige Parallelen. Schon die Skepsis einiger Vertreter beider (!) Kollegien der bevorstehenden Vereinigung gegenüber erinnert an die Sorge vieler ehemaliger Ostler (und vielleicht auch Westler), wieviel vom eigenen System bei einer Zusammenlegung noch übrig bliebe. Und wie manche Westdeutsche damals um ihre Arbeitsplätze bangen heute Kolleginnen und Kollegen um „ihre“ Stunden. Gleichermaßen unberechtigt.

Paradox auch, wie aus ehemals friedlich koexistierenden Nachbarn bei der Aussicht auf Zusammenlegung plötzlich „die von drüben“ werden, als handle es sich um eine neue Spezies. Gerüchteweise ist auch die Zahl der Ausreise…, äh, Versetzungsanträge auf beiden Seiten angestiegen – offenbar möchte nicht jede(r) mit ins Boot. Der Mensch im Allgemeinen und die Lehrkraft im Besonderen ist nun einmal ein Gewohnheitstier (okay, dafür kommen zwei Euro ins Phrasenschwein!), das nach der Devise lebt: Veränderung ist Mist. Meine Regularien – auch wenn ich mich seit Jahren darüber aufrege – sind meine Regularien! Basta!

Doch blicken wir den Fakten ins Auge: Hier tritt kein Schwächerer einem Stärkeren bei, sondern es entsteht aus zwei alten Schulen etwas ganz Neues. Die Parole „Keine Denkverbote!“ macht die Runde, eine einmalige Chance, Schule noch einmal ganz neu zu denken (nochmal zwei Euro!).

 

Ehe wir die IGS Johannes-Diekhoff-Schule Aurich (mein offizieller Namens-vorschlag) betreten, sind zwar wohl leider noch einige organisatorische und pädagogische Grabenkämpfe zu führen, aber ganz ehrlich: Es gibt doch keine spannendere Zeit als diese, Lehrkraft an dieser Schule zu sein, oder?

Es braucht dafür Mut, Selbstvertrauen und Visionen, dann kann ein Neuaufbau gelingen, dem alle Beteiligten – ob Ost oder West – zustimmen können. Die Bürde dieser Aufgabe liegt bei den Schulleitungen und dem Planungskomitee; sie müssen sich fragen, ob sie Genscher sein wollen oder doch nur Schabowski. (Entschuldigung, da ist mir wieder mal der Finger am Pathosregler abgerutscht.)

Das kleinste Problem aber wird die Integration des Egelser Kollegiums sein – eine Schule, die bereits leistungsschwache Kinder, sozial benachteiligte Kinder, Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder mit intensivem Förderbedarf integriert hat (ganz zu schweigen von Lehrkräften aus Bayern und Sachsen!), kann dieser Aufgabe wohl gelassen entgegenblicken. Und damit mache ich den Anfang und lade hiermit alle interessierten Egelser Kolleginnen und Kollegen (und natürlich auch alle von unserer Schule) zum gemeinsamen Lehrersport ein. Treffpunkt: Montags, 20:00 – 21:00 Uhr, IGS-West-Turnhalle.

Wir sehen uns. Auf blühende Landschaften!

 

 

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