Fünf Milliarden Euro. Soviel Geld will Johanna Wanka, ihres Zeichens Bundesbildungsministerin, ausgeben, um die Digitalisierung der Schulen voranzutreiben – so vor kurzem zu lesen in den großen Tageszeitungen. Spitzfindige Leser könnten hier erstmal stutzig werden, hieße das doch dem Wortsinn nach eigentlich, Schulgebäude und Lehrpersonal abzuschaffen und stattdessen virtuelle Lernumgebungen zu installieren, denen sich die Schülerinnen und Schüler dann am heimischen PC aussetzen. Heißt es aber zum Glück (noch) nicht. Stattdessen sollen IT-Infrastruktur, Hardware und PC-Kenntnisse der Lehrkräfte verbessert bzw. ausgebaut werden.

Böse Zungen behaupten ja, das bedeute: noch mehr Geräte und Programme, die dann, wenn man sie dringend benötigt, nicht funktionieren (Fernbedienung weg, halbstündiges Update läuft gerade, Strom ausgefallen, WLAN offline, Software nicht installiert usw.). Dieser Negativspirale muss man etwas entgegensetzen: Die Digitalisierung der Sprache!

Pädagogen sind erwiesenermaßen Meister darin, altem Wein in neuen Schläuchen durch superhippe Umbenennung ein gefühlt ganz anderes, frisches Bouquet zu verleihen (siehe „Oberschule“ oder „E-Kurs“) – warum dann nicht auch auf den Web 2.0-Zug aufspringen? Außerdem bricht der Beruf Youtuber auf der Beliebtheitsskala der Schülerinnen und Schüler gerade alle Rekorde – eine frühzeitige Angleichung der Sprache kann also als echte Berufsorientierung wirken. Mr. HO zeigt, wie es geht:

Zunächst mal gibt es keine Unterrichtsstunden mehr, sondern nur noch Tutorials, z.B. „Von Null auf Pythagoras in drei Stunden“, das wirkt handfest und praxisorientiert. Schülerinnen und Schüler werden selbstverständlich zu Followern („Hast du den NWS-Channel schon abonniert? Die bringen diese Woche das Periodensystem-Special!“). Klassenstunden werden zu Chats, Stillarbeitsphasen waren gestern – jetzt sind „Schweige-Challenges“ angesagt (kurze Nebenbemerkung: Einige Kinder sind aufrichtig bestürzt, wenn sie erfahren, dass „Challenge“ tatsächlich ein englisches Wort mit eigener deutscher Bedeutung ist!): Du quatschst mit deinem Nachbarn? FAIL! Ich nominiere den Lateinkurs Jahrgang 7 und die 5c!

Des Raumes verwiesen wird übrigens niemand mehr – höchstens „banned“ vom Admin. Dafür dann binge learning, bis der Daumen glüht! Das wär doch ge…, äh, LOL!

Als Web 2.0-Tutor empfiehlt es sich außerdem, so oft wie möglich das Wort „Hashtag“ zu verwenden.

Beispiel: Georg hat seine Mathesachen zu Stundenbeginn nicht auf dem Tisch. Falsche Reaktion: „Georg, sieh dir deinen Tisch an! Was stimmt nicht an diesem Bild?“

Richtige Reaktion: „Oh oh Georg! Hashtag: Materialschwund!“

Das Bewertungssystem wird radikal vereinfacht: Jede Äußerung, äh, sagen wir Tweet, im Tutorial bekommt vom Tutor entweder einen Daumen nach oben oder eben nicht. Ganz missratene Tests können wahlweise noch mit dem Hinweis EPIC FAIL versehen werden. Und am Ende wird abgerechnet, wer die meisten Daumen bekommen hat. Einfach und genial! Und wenn die Note dem Follower nicht passt? Verweis auf die Hardware: „Computer says 'No'.“* Die Kehrseite des Ganzen: Die Follower geben ebenfalls Daumen für die Tutorials, die Tutoren müssten um jeden Daumen betteln! Hashtag: Feedbackkultur, Hashtag: Wiedumirsoichdir, Hashtag: OMG!

 

 


* Leserwitz der Woche, eingesandt von Dirk Z. aus L. Vielen Dank!

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