Ich möchte keine guten Vorsätze mehr haben.* Das habe ich mir fürs neue Jahr fest vorgenommen. Vorsätze stecken Ziele, die entweder völlig illusorisch („20 kg abnehmen“), viel zu schwammig („ein besserer Mensch werden“) oder selbstbetrügerisch sind („mit dem Rauchen aufhören – habe ich immerhin schon fünfzehnmal geschafft!“). Vorsätze erzeugen einmal Stress durch den persönlichen Druck, den sie aufbauen (gerade dann, wenn man sie überall herumerzählt hat, wie es gewisse Ratgeber suggerieren), und dann nochmal, wenn man an ihnen scheitert. Aber nicht mit mir! Da können die lange warten – ich nehme mir keine Vorsätze mehr vor!

Dabei ist es verlockend, gerade im Arbeitsalltag, nach erholsamer Unterbrechung durch Ferien auf den Tisch zu hauen und sich im Brustton der Überzeugung zu schwören: „So, jetzt ist Schluss damit! Ab jetzt werde ich… immer rechtzeitig Mappen einsammeln, für eine breitere Beteiligung im Unterricht sorgen, Störenfrieden keine Bühne mehr bieten, von jeder Stunde ein Kurzprotokoll anfertigen, kurze Notizen für den LEB vorschreiben, immer Kreide dabeihaben, endlich die Namen meiner Schüler lernen, die Unterrichtseinheit vorstrukturieren, mich in den Schulvorstand wählen lassen, bei der Back-again-Party Aufsicht führen, diesem Mr. HO mal eine Mail schreiben, nicht auf den letzten Drücker die Klausuren korrigieren, mich mal in dieses LEB-Programm einarbeiten, das Mensaessen probieren, auf der Geko einfach mal die Klappe halten, die Eltern von meinem Klassenclown anrufen, die Jugendherberge für die Klassenfahrt buchen, bei nicht erfüllten Bringepflichten meiner Schüler harte Konsequenzen androhen, diese Konsequenzen dann auch umsetzen, Binnendifferenzierung googeln, diese tollen Belohnungsstempel kaufen, meine Busaufsicht wahrnehmen, Lösungen zu den Aufgaben parat haben, mal in den Computerraum gehen oder allgemein einfach besseren Unterricht machen!“

Es folgt eine Phase des Hochgefühls: Die Stempel sind bestellt, die Nummer der Eltern herausgesucht, der Korrekturfüller aufgetankt und auf dem Wochenplan prangt fett der Eintrag: „MAPPEN EINSAMMELN!!!!“

Die manchmal bleierne Routine wird gebrochen von ein wenig Optimismus und Hemdsärmeligkeit (das Wort wollte ich schon immer mal unterbringen!).

Die sich zurücklehnende, selbstzufriedene Gemütlichkeit wird jedoch jäh unterbrochen – die Eltern sind wider Erwarten beim ersten Anrufversuch nicht zu erreichen, die Mappen konnten wegen eines Theaterbesuchs nicht eingesammelt werden, die Stempel erweisen sich als viel zu klein – und zum Korrigieren ist man auch noch nicht gekommen, es gibt ja soviel zu tun!

 

* Selbstreferenzieller Witz Nr. 42. Viele Grüße an Alexander W.!

Nun ist man angewidert darüber, von seinen eigenen hochtrabenden Plänen geknechtet und unterworfen zu sein. Der Post-it (MAPPEN EINSAMMELN) im Planer wandert wie ein Mahnmal von Woche zu Woche weiter, die Stempel sind längst in der untersten Schublade verschwunden, wo sie den Besitzer nicht mehr ständig an seinen teuren Fehlkauf erinnern, das Telefon ist dank freudscher Fehlleistungen am laufenden Band nicht mehr auffindbar. Schwer lastet die Erkenntnis: Es hat doch alles keinen Sinn, es wird sich nie etwas ändern.

Wie sind die drückenden Vorsätze zu heilen? Distanz zum Beruf gewinnen? Einfach aufgeben? Nein – gescheiterte Vorsätze können nur mit neuen Vorsätzen geheilt werden!  „Okay, die Mappen werde ich später mal einsammeln, aber dafür werde ich ab jetzt jede Stunde kontrollieren, ob alle ihre Materialien dabeihaben! Ha!“ Sigmund Freud glaubte, die Morphiumsucht seines Freundes heilen zu können – mit Kokain.

Da gehe ich doch lieber gleich auf kalten Entzug: Keine Vorsätze mehr!  Bei mir bleibt in diesem Jahr alles beim Alten. Ich denke, das schaffe ich. Locker.

 

 

 

 

 

 

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