Endlich ein Zuhause für all die dunklen Gründe, endlich ein Grund - Los, komm! - Wir schmieden neue Bünde. So besingt die Gruppe „Wir sind Helden“ die unbewusste Lust an der Hysterie, den kollektiven Ausraster, schön und schaurig zugleich, gefeiert und tränenerstickt.

Jeder, der mal eine Klassenfahrt begleitet hat, kennt die Szenen, die sich dort abspielen: In Tränen aufgelöste Mädchen verbarrikadieren sich in Jugendherbergszimmern, um jedem zufälligen Besucher ihre Verzweiflung kundzutun. Das Heulvirus wandert von Zimmer zu Zimmer, alle sind dabei, an geordnete außerunterrichtliche Aktivitäten ist nicht mehr zu denken und selbst der Klassennerd kratzt sich nachdenklich am Kopf: „Mir ist auch schon ganz komisch.“ Ja, und auch der Pädagoge spürt nach gescheiterter Gruppentherapie mit Klangschale, anstrengender Waldwanderung zum Auspowern und Isolationshaft für alle irgendwann den Jack Torrence das Rückenmark heraufklettern. Was war doch gleich der Grund für den mentalen Ausnahmezustand? Ach ja, das ewige Pärchen (vier Monate!!) Justus und Leandra hat sich gestritten, das Wort Trennung steht im Raum und alle leiden mit.

Doch es braucht gar nicht die Extrembedingungen einer abgelegenen Jugendherberge für eine anständige Hysterie – die Schulparty tut es auch: eine Schülerin erleidet einen epileptischen Anfall und muss behandelt werden. Kann vorkommen. Plötzlich aber machen die ersten Gerüchte von Drogen die Runde, die angeblich verkauft werden, später hat angeblich jemand etwas ins Essen gemischt und gegen Ende des Abends schwören Partygäste Stein und Bein, dass „Säure“ in der Cola war. Strenggenommen stimmt das sogar – Phosphorsäure – doch ging es diesen Hysterikern um die größtmögliche Steigerung des imaginären Unglücks. Konsequenterweise hätten sie am nächsten Tag mit einem T-Shirt „I survived Back-again-Party 2016“ zur Schule kommen müssen.

In solchen Momenten bekomme ich das Gefühl, dass unsere primäre Aufgabe längst nicht mehr in der Vermittlung von Kenntnissen und Fähigkeiten verschiedenster Fächer besteht, sondern von, wie es ein Kollege einmal – in genau so einer Extremsituation – auf den Punkt brachte, Lebensmanagement. Dazu gehören nicht nur das tägliche „Wann muss ich wo sein“ und „Was muss bis wann erledigt sein“, sondern auch der distanzierte Umgang mit Informationen aus unsicheren Quellen. Eine Fähigkeit, die zugegeben viele vermeintlich Erwachsene auch noch nicht erworben haben, siehe Fake News: „Obama hat den IS gegründet!“ – Sagt wer? Das Internet? Na, dann muss es ja stimmen.

Es beschleicht mich jedoch der Verdacht, den Hysterikern ist gar nicht daran gelegen, dem kollektiven Hyperventilieren mit rationalen Argumenten (oder gar Konterstrategien) beizukommen – zu groß ist in Wirklichkeit die Lust am Ausrasten. Ein Blick ins Kochbuch der Küchenpsychologie kann Abhilfe schaffen: Stärkung des Gruppengefühls durch gemeinsam durchgestandene Extremsituationen? Verlassen der eingetretenen Pfade der täglichen langweiligen Routine? Hormonell bedingte Stimmungsschwankungen?

Wohl dem Pädagogen, der einem Fels in der (Menschen)-Brandung gleich milde lächelnd durch das Geschrei schreitet und sich nicht anstecken lässt. Ja, so etwas kann man lernen! Mein Tipp: Man schnappe sich einen Musiklehrer und ein paar noch nicht übergeschnappte Sechstklässler und –innen und spiele und singe auf einem alten Klavier im Gruppenraum der Jugendherberge „Country Roads“. Ehrlich, es wirkt! So geschehen vor einigen Jahren, irgendwo im Nirgendwo der Lüneburger Heide.

Also, wenn die nächste Panikwelle anrollt – singt um euer Leben, tapfere Pädagogen!

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