Da lag er nun, ins Schulleben geworfen, im Angesicht seines ersten Stundenplans. Nur wenige Stunden füllten diesen und doch war ihm, als könnte er von fern her Ganeshas Kichern vernehmen. Der elefantenköpfige Herr der Scherze würde ihm diesen Plan nicht als Geschenk, sondern als Prüfung überreicht haben, da war er sich sicher.

Aus Befürchtung wurde Gewissheit. Donnerstagnachmittag. Ein Lateinkurs des achten Jahrgangs mit 29 Teilnehmern, mindestens die Hälfte davon völlig fehl am Platz, was Arbeitsverhalten und Leistungsvermögen anbetraf. Ein chaotischer Klassenraum im Südturm, der sengenden Augustsonne zugewandt, mit drei verschiedenen Arten von Tischen. Schweißnasse T-Shirts. Lärmpegel. Doch sein Dharma verlangte nach Unterricht.

Die Gegenwart. Wie jedes Jahr nimmt er den Plan aus Ganeshas Händen, der ihm huldvoll zunickt, sein mächtiger Leib, der alle bekannten und unbekannten Universen enthält, schwankt dabei gemütlich. Der Rüssel streift den abgebrochenen Stoßzahn, Symbol für die Opfer, die zum Lernen und zur Erlangung der Weisheit notwendig sind.

Fieberhaft überfliegen die Augen die Tabelle. Erster Check – wie viele Nachmittage? Keiner! Zweiter Check – irgendwelche unerfreulichen Aufsichten (donnerstags nach der 10. am Extumer Weg)? Keine! Dritter Check – welche Lerngruppen belegen die kritischen Randstunden? Nur Oberstufe! Sein Karma hat ihn endlich auf eine neue Stufe des Daseins gehoben, da ist er sich sicher. Dem Sumpf der problematischen Lerngruppen am Nachmittag entstiegen, wähnt er sich nun der Erleuchtung nahe.

Doch schon während sich seine Augen mit Freudentränen füllen, entreißt ihm der Launische den Plan wieder, zweimal, dreimal, verschiebt hier eine Stunde auf den Nachmittag, zerreißt dort eine Doppelstunde, verdreht, vertauscht und tauscht wieder zurück. Dem Unglückseligen wird schwindlig, seine Unterrichtsplanungen zerfasern im Taumel des Stundenplanschicksals. Perfider noch: Hat es doch der Scherztreiber so eingerichtet, dass über jede seiner Verschlechterungen ein anderer Kollege jubelt („Eine Randstunde weniger!“), dass jeder seiner Glücksmomente eines anderen Horror ist („Wo ist meine Mittwochstunde hin?! Die war so schön!!“).

Neid schlägt ihm aus den Reihen des ansonsten doch so geschätzten Kollegiums entgegen, Unterstellungen, er sei von den Göttern besonders begünstigt, Verärgerung über jeden Stoßseufzer („Was gibt’s denn da zu stöhnen bei dem tollen Stundenplan, hä?!).

Nur der unbeirrbare Glaube an das Rad der Wiedergeburten lässt ihn jeden Tag mit stoischem Pflichtgefühl seiner Aufgabe nachgehen, fest ins Hirn eingepflanzt hat er sich die Überzeugung, dass der nächste Stundenplan immer besser sein kann als der vorherige, wenn er sein Dharma erfüllt. Doch der Dickbäuchige stellt seine Geduld auf eine harte Probe – solange, bis er eines Tages die Hände zum Himmel ringt und Ganesha sein Unverständnis entgegenbrüllt, doch der alte Dickschädel fängt darüber nur noch mehr an zu lachen und deutet mit dem Rüssel auf einen kleinen grauen Kasten, der orakelhaft die Schicksalssprüche des Kollegiums ausspuckt. Dieser Kasten soll das Schicksal der Schulwelt sein? Statt Dharma und Karma nur der blinde Zufall in Gestalt elektronischer Algorithmen? Hysterisches Lachen ergreift Besitz von ihm, die Welt dreht sich um ihn, alles scheint in einem Strudel zu versinken, bis…

…ihn eine Hand auf seiner Schulter aus der Versenkung zurückholt. Es ist sein Yogi, milde lächelnd, der sich nun wieder der Gruppe zuwendet: „Und nun beten wir gemeinsam unser Mantra: Moooooooo…Diiiiiii…Miiiiii…Doooooooo….“

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