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Einfache Frage ohne langes Nachdenken: Woran erinnert ihr euch noch, wenn ihr an eure Schulzeit zurückdenkt? Ach damals, als wir im Sachunterricht herausfanden, welche Materialien magnetisch sind! Die glorreiche Stunde, in der ich mein erstes Integral berechnete! Die tolle Gruppenarbeit zur Entwicklung der NATO-Strategie in der 12. Klasse!

Blödsinn.

Wer nicht völlig weltfremd aufgewachsen ist, wusste schon vorher, welche Stoffe magnetische Eigenschaften haben. Vom Integral erinnert man sich bestenfalls noch an die Schreibweise. Die NATO? Bekannt aus Funk und Fernsehen. Gibt es Unterrichtsstunden, die sich fürs Leben ins Schülerhirn einprägen, weil sie didaktisch und methodisch so auf den Punkt sind, dass allein schon bei der Erwähnung des Themas der entstehende Hormoncocktail für wohlige Schauer über den Rücken sorgt?

Vergesst es. Das ist schulische Sozialromantik.

Nein, es gibt nur zwei Dinge, die bei jedem Klassentreffen garantiert zur Nachbesprechung wieder aufs Tapet kommen: Katastrophen und Klassenfahrten. Auf letztere soll hier mal ein entklärender Blick geworfen werden. Vor allem: Was begünstigt die allgemeine Legendenbildung bezüglich solcher Aktionen – auf Lehrer- wie auf Schülerseite? Das ist selbst für einen Mr.-HO-Artikel zu viel, deshalb habe ich zwei draus gemacht. Fangen wir bei den Schülerinnen und Schülern an:

Am wichtigsten ist sicherlich der Survival-Faktor. Überstandene Strapazen werden im Nachhinein als stärkend empfunden, frei nach Nietzsche: Was mich nicht physisch und psychisch kollabieren lässt, das macht mich hart fürs Leben. Für Schülerinnen und Schüler sind das die altbekannten Greuel: Verlust der Privatsphäre und anderer häuslicher Annehmlichkeiten (*hust*Playstation*), körperlich fordernde Eigenbewegung zu Fuß, Verschiebung der ernährungstechnischen Prioritäten (zum Besseren oder zum Schlechteren, beides hat auf den labilen Schülerkörper desaströse Auswirkungen) und Teilnahme an von oben verordnetem außerschulischem Lehrprogramm, oder kurz gefasst: Fünf Tage nur Cola, Chips und Museumsrundmärsche mit Leuten, auf die man gerne verzichten könnte. Wer das überstanden hat, kann später stolz  im Freundeskreis abwinken: „Du weißt nicht, wie es war, du warst nicht dabei!“

Das nährt die Legende.

Mitunter kommt es zur retrospektiven Verklärung: Alles Negative wird mit der Zeit entweder komplett ausgeblendet (Vortrag der Herbergsleitung, im Koffer ausgelaufener Kakao) oder rosarot eingefärbt (Schlafentzug, Herbergsessen, Bad im eiskalten Baggersee).

Drittens gibt es noch den Erlebnis-Faktor, Stichwort eigene Horizonte erweitern. Das finden Lehrkräfte erstmal total gut und wichtig, wenn es um Kontaktscheue, Selbstständigkeit oder Höhenangst geht. Dann gibt es natürlich auch noch andere Grenzen, deren Überschreitung nicht zum pädagogischen Schengen-Raum gehört (wie lange kann ich wachbleiben, wieviel Energydrink vertrage ich, wie sehr kann ich meinen Zimmergenossen auf die Nerven gehen), die aber gleichwohl ausgetestet werden. Dabei ist die Anzahl der Grenzüberschreitungen direkt proportional zur anschließenden Selbstbeweihräucherung.

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Und viertens tritt häufig noch ein recht seltsames Phänomen auf. Ich nenne es die Bedeutungsaufwertung von Banalitäten: der Vorname des Busfahrers, die vom Wahlkampfstand gemeinschaftlich ergaunerten Luftballons, der lustige Sprachfehler der Touristenführerin, David, der als einziger seine Badehose vergessen hat – all das mutiert in Windeseile zum Running Gag (von der Generation Hashtag auch „Meme“ genannt, wenn ich richtig informiert bin), dessen Witzfaktor mit jeder Erwähnung praktisch exponentiell steigt. Und beim Klassentreffen trotz der Patina der pubertären Peinlichkeit gern wieder aufgewärmt wird.

Insgesamt steht also einiges auf der Habenseite. Da verwundert es doch, dass – zumindest in den höheren Jahrgängen – die Begeisterung unter der Schülerschaft für diese Aktionen tendenziell zurückgeht. Da entdecken notorische Leistungsverweigerer plötzlich ihre Liebe zum Unterricht, andere stellen fest, dass sie sich eigentlich keine Fehlstunden mehr leisten können und wieder andere wollen acht Wochen vor den Abschlussprüfungen keine Stunde des wertvollen Unterrichts mehr versäumen.

Als ob!

Doch was ist der wahre Grund für die Ablehnung abenteuerlicher Abwechslung? Ungewissheit bezüglich der WLAN-Verfügbarkeit? Furcht vor einer Unterbrechung der Mc-Donald’s-Diät? Soziale oder familiäre Verpflichtungen? Das herauszufinden wird die Aufgabe tapferer Fahrtenleiter der Zukunft sein. Denn auch die haben das Zeug zur Legende.

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