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Zeit – fast vergessen, was es heißt.

Zeit – bei dem ganzen Overkill.

Hab fast vergessen, was es heißt

cool zu bleiben bei dem ganzen Overkill.

- Bosse, „Overkill“

Shutdown.
Kein Unterricht. Ersatzlos getrichen. Nur Notbetreuung. Keine Unterrichtsvorbereitung, zumindest nicht mehr als abend- geschweige denn tagefüllende Veranstaltung. Höchstens noch Übungen zum Wiederholen. Damit keine Ungleichheiten entstehen. Und nachdem das Haus auch wieder vorzeigbar ist, das Kinderzimmer renoviert und die Terrasse geölt, wendet man sich dem oft sträflich vernachlässigten Privatleben zu: Soziale Kontakte? Untersagt. Shoppen gehen? Geschäfte zu. Essen? Besser zu Hause. Kino? Nein, Streaming. Sport? Okay, aber nur allein.

Keine Sommerferien können das eigene Leben und das Leben aller so sehr auf Null setzen wie die zwangsverordneten „Coronaferien“, wie ich sie liebevoll nenne. Das muss ich, um nicht verrückt zu werden. Denn plötzlich ist so viel Zeit da, und so wenig, um sie zu füllen. Ein Wort kommt mir in den Sinn, das lange verschüttet im Langzeitspeicher lag, unter Bergen von Memos und Werbeprospekten: Langeweile. Was war das doch gleich? Früher, da gab es das mal. Ich erinnere mich an Sonntagnachmittage: Allgemeines Verabredungsverbot, denn „die anderen Familien wollen auch gerne mal was mit ihren Kindern machen“. Stattdessen die einzige Hoffnung abseits des ansonsten gern bespielten Legos: Die Glotze. Für eine Dreiviertelstunde nimmt Peter Lustig das bleierne Sonntagsgefühl von meinen Schultern, ja, es sei denn, es läuft Tennis. Dann muss Peter Lustig leider ausfallen und stattdessen kann ich zusammen mit meinen Eltern Boris Becker endlos beim Aufschlagen und Returnieren zusehen. Ein Schicksal, das heutige Kinder sicherlich kaum noch teilen, denn das mediale Netz ist dicht gestrickt und da fällt so schnell keiner durch die Maschen zwischen Smartphone, Konsole, Tablet und TV.

Neuere Forschungen zeigen nun ein ganz anderes Bild von Langeweile, das uns alle aufhorchen lassen sollte: Erziehungswissenschaftler sehen darin eine Situation, die das Kind selbst bewältigen muss – es muss aktiv werden, um sich aus der als unangenehm empfundenen Lethargie zu befreien. Das kann es, indem es anfängt, selbst Assoziationen herzustellen, über Dinge nachzudenken, für die sonst kein Platz war, den Input zu verarbeiten, der sonst jegliche Eigenaktivität im Keim erstickt. Insofern kann Langeweile sogar förderlich für das Lernen sein und – jetzt dreht er völlig durch – einen ganz neuen Zugang zu persönlichem Lernfortschritt und Schule eröffnen! 

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Häufig agieren unsere Schülerinnen und Schüler nach dem Motto „Here we are now, entertain us!“ (Sorry, Kurt Cobain!) Die Lehrperson da vorne muss den Stoff mit all ihrer Lehrkraft an das Kind bringen, sonst hat sie versagt. Einige Schüler*innen sind dermaßen getrimmt auf das Abpinnen von der Tafel, das sie es danach überhaupt nicht sinnvoll mit einer anschließenden Übungsaufgabe in Verbindung bringen können: Datenpaket erhalten und abgespeichert.

Stattdessen sollen sie durchdenken, hinterfragen, assoziieren, kontrollieren. Diese Prozesse aber in Gang zu setzen, ist die Königsdisziplin der Pädagogik und schwer qua Lehramt von oben zu verordnen. Aber die Langeweile kriegt das hin, wenn sie in dieser Zeit wirklich kultiviert wird. Also dürfen wir auf Scharen von wissbegierigen, kritisch hinterfragenden, kreativen Assoziationsgenies hoffen, wenn sich irgendwann die Schultore wieder öffnen? Klar dürfen wir. Und schon darüber nachzudenken vertreibt eindeutig die Langeweile.

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