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Kre|a|ti|vi|tät, die (Substantiv, feminin)

  1. schöpferische Kraft, kreatives Vermögen
  2. mit der sprachlichen Kompetenz verbundene Fähigkeit, neue, nie gehörte Sätze zu bilden und zu verstehen*

„Herr Hinderks, wie heißt die Überschrift zu der Aufgabe?“

„Was meinst du, wie könnte sie heißen, damit sie gut zu der Aufgabe passt?“

Ernstes Grübeln. Sieben Sekunden lang.

Dann hellt sich die Miene des Fünftklässlers auf: „Ich weiß: Mathe!“

Harter Schnitt.

„Habt ihr euch etwas für die Gestaltung des Türplakats überlegt?“

Irritiert werden Gesichtszüge verzogen und mit dem Stift auf das Plakat gezeigt: „Der – Goldene – Schnitt.“

„Ja, in Ordnung, aber wie soll die Schrift aussehen? Und drumherum, was kommt dahin?“

Schulterzucken.

Nochmal harter Schnitt.

„Die Aufgabe lautete: Beschreibe die Gefühle, die Aeneas wohl empfindet, nachdem Merkur ihn an seine Mission erinnert hat.“

Keine Reaktion.

„Man kann auch erstmal vom Inhalt des Texts ausgehen. Was steht denn da?“

„Aeneas ist erschrocken.“

In solchen Situationen wünsche ich mir mein Kopfkissen, um hineinzuweinen. Ist es denn möglich, dass nach langer Beschäftigung mit einer Aufgabe und entsprechender Hirnaktivität so wenige Synapsen gezündet und Querverbindungen, Assoziationen, Vernetzungen hergestellt haben? Nichtwissen ist entschuldbar, Nichtlernenwollen manchmal zumindest nachvollziehbar, aber Nichtdenkenwollen? Oder sind die gesuchten Verbindungen schlicht und einfach nicht verfügbar? Moment, Kreativität steht doch sicher irgendwo im Lehrplan, oder? Na klar, im Kunstcurriculum, da ist sie untergebracht und sobald sich die Tür des Kunstraums von außen hinter den Lernenden geschlossen hat, bleibt sie auch genau da, schaut vielleicht ein wenig traurig aus dem Fenster und denkt darüber nach, was alles möglich wäre außerhalb der Fächergrenzen…

* Quelle: www.duden.de

Bild Mr. HO 74kl

Also, da stelle ma uns mal janz dumm: Wat is n Kreativität? Der Duden ist hier ausnahmsweise mal wenig hilfreich (s.o.) und auch die Forschung ringt mit der Unschärfe des Begriffs. Als gesichert kann gelten, dass Kreativität etwas Neues, Originelles erschafft, das einen gewissen (praktischen? ästhetischen?) Nutzen hat. Und schon sind wir in die Curriculumfalle getappt! Nichts hemmt Kreativität so sehr wie Zeitdruck, Erfolgsorientierung, Methodismus – dreimal Volltreffer, Schulsystem! Schlechte Zeiten also für Creativity im Unterricht, ob nun small c (heute nehme ich einen grünen Stift!) oder Big C (Wir benutzen Pi zur Erzeugung von Zufallszahlen!)? Nur die Ruhe. Am besten fängt man klein an: Jeder sagt einen Satz und erzählt damit eine Geschichte weiter. Jeder zeichnet genau einen Strich und daraus entsteht ein Bild. Zu jedem Buchstaben des Alphabets finden wir einen Begriff aus dem Judentum. Jeder nennt das erste Wort, das ihm zu einem vorgegebenen Startwort einfällt. Zeichne 30 Kreise und verwandle dann jeden in ein anderes Objekt. Jeder schreibt drei Ideen auf und reicht das Blatt weiter an seinen Nachbarn, der zu jeder Idee einen weiteren Satz schreibt. Wir finden so viele Verwendungsmöglichkeiten für einen Ziegelstein wie möglich. Muss ein Plakat immer rechteckig sein? Muss die Erarbeitungsphase immer in geschlossenen Räumen stattfinden? Und: Muss ein Mr.HO-Artikel immer mit einer Feststellung enden?

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