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Sommer 2020. Das Ministerium für Produktivität brütet in der Hitze über einem Plan für den Start ins neue Schuljahr – im „eingeschränkten Regelbetrieb Szenario A“, wie man es dort bezeichnet. Für den Feld-, Wald- und Wiesenbewohner einigermaßen unverständlich, könnte es doch auch für zolltechnische Details zum Brexit oder eine Modalität des Dublin-Abkommens stehen. Deshalb darf man sich wohl auch verzweifelt-verschwitzte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im morgendlichen Briefing vorstellen, vom nervös auf seinen Laptop trommelnden Chef angetrieben: „Kommt schon, Leute, lasst euch mal was Schmissiges einfallen! Das muss jeder Depp verstehen können! Wir fassen mehrere Klassen zu…größeren Einheiten zusammen, für die dann keine Abstandsregeln etc. gelten – aber wie nennen wir die?!“ „Warum nicht einfach ´Gruppen´?“, stöhnt Herr Radke, der einfach nur schnell nach Hause will. Der Chef winkt ab: „Wird inflationär verwendet im Schulbereich. Die Verwechslungsgefahr ist zu groß!“ „Wie wär’s mit ´Einheiten´?“, schlägt Frau Wiesenhöfer vor. Aber auch das gefällt dem Abteilungsleiter nicht: „Zu technokratisch, zu kalt!“ 

Da schmunzelt Hans-Werner, ein altgedienter Mitarbeiter, Steckenpferd Antike, denn er weiß, jetzt könnte seine große Stunde gekommen sein. Er erhebt sich wirkungsvoll und klemmt die Daumen hinter die Hosenträger: „Wir nennen sie ´Kohorten´!“, versetzt er im Brustton der Überzeuung. Alle sind erstmal geplättet. Chefchen rückt irritiert seine Brille zurecht. Dann gibt er Hans-Werner mit einem Wedeln der Hand zu verstehen, er solle seinen Vorschlag doch weiter ausführen. Erfreut nickt der Pensionsanwärter und beginnt, im Konferenzraum auf- und abzugehen. „Das lateinische Wort cohors, cohortis, Femininum, bezeichnet eine Untereinheit der Legion, genauer gesagt, ein Zehntel, das entsprach zwischen 300 und 600 Mann. Die Kohorten agierten unabhängig voneinander auf dem Schlachtfeld, bildeten also echte taktische Einheiten…“

„Entschuldigung, bitte!“, lässt sich die ältere Frau Brüning vernehmen, „wir sprechen doch hier über Kinder und nicht über Soldaten!“ Doch Hans-Werner lässt sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen: „Das Wort kann außerdem ´Schar, Schwarm, Menge´ bedeuten, lässt sich also auf beliebige Gruppen erweitern. In seiner Grundbedeutung steht es sogar für einen umfriedeten Raum – ganz in unserem Sinne also: Ein geschützter Bereich, in den keine Viren anderer Kohorten eindringen können. Zudem ist, wenn ich mir die humorvolle Bemerkung erlauben darf, eine mögliche Bedeutung ´Viehhof´ - nicht wirklich weit entfernt vom Schulbetrieb, oder?“

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Frau Brüning ist zurück auf den Barrikaden: „Also, jetzt reicht es ja wohl! Wollen Sie die niedersächsischen Schülerinnen und Schüler jetzt auch noch mit Tieren vergleichen?!“ „Aber, aber“, beschwichtigt der Altphilologe, „die Kohorte ist eine verschworene Gemeinschaft! Sie marschiert gemeinsam durch widriges Gelände – der lange Weg zum Naturwissenschaftsraum -, errichtet gemeinsam ihren Bereich des Feldlagers – die gestalteten Jahrgangsbereiche – und erholt sich gemeinsam am Lagerfeuer von den Strapazen des Tages – der Aufenthalt in den Pausenbereichen. Ihre Zenturien werden von je einem Zenturio befehligt, der ranghöchste unter ihnen kommandiert die gesamte Kohorte – da darf sich jede Lehrkraft doch einmal als Militärstratege oder –strategin fühlen!“

Von sich selbst berauscht setzt sich Hans-Werner wieder. Applaus brandet auf, außer bei Frau Brüning, die mit vor der Brust verschränkten Armen auf ihrem Stuhl hockt. Der Abteilungsleiter hat schon den Telefonhörer in der Hand: „Herr Minister? Ja, wir haben einen Namen!“

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