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Für alle ehemaligen Lateiner und solche, die es werden wollen: Im Test erscheint folgender Satz:

Fame sitique laboro.

Der hoffnungsfrohe Lateinlehrer macht sich nun an die Korrektur und muss bei sieben Schüler*innen folgende sieben Versionen davon lesen:

  1. Berühmte und unberühmte arbeiteten mit diesen.
  2. Ich arbeite, ohne zu denken.
  3. Ich arbeite und freue mich.
  4. Ich selbst ziehe es vor zu arbeiten.
  5. Ruhm ist Arbeit und Fleiß.
  6. Ich arbeite, statt eine Familie zu haben.
  7. Dort kann ich sitzen und arbeiten.

Richtig ist davon keine einzige (*seufz*), sondern: Ich leide Hunger und Durst. Ich leide aber nicht nur Höllenqualen, wenn ich erfahren muss, dass man einen Satz auf derartig unterschiedliche Art und Weise vergeigen kann – im Nachhinein finde ich die Entgleisungen höchst spannend, denn, wie der Profi weiß: Jede Übersetzung aus einer anderen Sprache offenbart immer auch ein bisschen den Geist und die Gedankenwelt ihres Übersetzers. Eine 1:1-Wiedergabe ist häufig unmöglich, weil nicht nur Ausgangs- und Zielsprache unterschiedliche Strukturen haben, sondern auch, weil Verfasser und Übersetzer zwei verschiedene Menschen mit möglicherweise Welten entfernter Sozialisation, Bildung und Interessenlage sind. Lust auf eine kleine Tour de Suffisance? Also: Autor Nummer 1 im obigen Beispiel lässt klar erkennen, welche Kategorien für ihn im Leben wichtig sind, Nummer 2 erregt direkt Mitleid (gewollt?), Nummer 3 und 4 starten einen subtilen Versuch, sich beim Lehrkörper anzubiedern, während Nummer 5 ein wenig übers Ziel hinausschießt (Kim Jong Un wäre stolz!). Nummer 6 offenbart Sinn für Gesellschaftskritik, Nummer 7 dagegen lebt im Hier und Jetzt. Und da soll doch mal jemand sagen, es gebe keine Individuen mehr!**

Manchmal offenbaren die grammatikalischen Fehlschläge aber auch ein möglicherweise schockierendes Innenleben. An anderer Stelle liest man tatsächlich den Satz: „Wenn ihr mich fragt, wäre es mir lieber, wir schlachten sie ab!“ Ganz egal, was da im Original gestanden hat – wie muss man gestrickt sein, um einen solchen Satz in irgendeiner Situation für überhaupt  denkbar zu halten?!  Muss man schon den sozialpsychiatrischen Dienst einschalten?

* engl. „Lost in translation“

** siehe auch Episode 65: „Auf Konformationsfahrt nach Individien“

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In einer Situation, die immer wieder auftaucht, bin ich ebenfalls regelmäßig ratlos ob der psychologischen Implikationen. Jeder, der einmal Teil einer entsprechenden Lerngruppe war, kennt es – dieses grauenerregend ungelenk daherkommende, grammatisch zwar einwandfreie, aber sprachlich in den Ohren schmerzende Holzhammer-Latein-Deutsch! „Quintus strebt zusammen mit dem Sohn des Claudius das Forum an.“ Oder der hier: „Die Feinde werden von den Geschossen getroffen und fallen in das Gewässer herab.“ Der Kopf des Lateinlehrers fällt wieder und wieder auf die Tischplatte herab! Dagegen klingt der Google-Übersetzer geradezu sinnlich!

Aber gehen wir nicht zu hart ins Gericht mit den Kindern, immerhin wird die Kompetenz „Übersetzen“ nicht ohne Grund immer im Anforderungsbereich II/III angesiedelt, gehört also mithin zum Härtesten, was der Lehrkanon so hergibt. Da kann man mal Fünfe gerade sein lassen, dem sozialpsychiatrischen Dienst abwinken, über den Holzhammer schmunzeln und sich insgeheim freuen, dass es immer noch Mutige gibt, die sich an das Abenteuer Übersetzung heranwagen, auf dass sich eine Belohnung aus höheren Sphären einstelle. Oder wie es ein Schüler formulierte: „Mögen die Götter uns Rum geben!“

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