Ein Dunst von Kohlendioxid umweht Raum 3001, die Arena. Die Stimmung gleicht der Stille vor einem Gewitter. Der Beamer flackert kurz. Der Konferenzleiter greift sich an die Krawatte.

Da beginnen die beiden Heere nacheinander einzumarschieren: Zuerst die Kaiser-Wilhelmianer*, markige Sprüche brüllend, siegessicher die Kaffeebecher schwenkend, dahinter die Pestalozzi-Ultras*, langsam und bedächtig, verstohlen Blicke austauschend. Es klicken die Kugelschreiber, das Säbelrasseln vor der Schlacht.

Dann eröffnet der Konferenzleiter mit einem Räuspern das Gefecht. Grimmig funkeln sich beide Parteien an, die übrigen lehnen sich angstvoll zurück, zu groß ihre Furcht, zwischen den Giganten zermahlen zu werden. Wer wendet zuerst den Blick ab?

Zeugnisse fliegen nun vor den Augen der Anwesenden vorbei – starkes Leistungsbild, spitzenmäßiges Arbeitsverhalten. Die Wilhelmianer winken ab. Hier ist keine Ehre zu erringen.

Dann plötzlich stockt der routinierte Vortrag. Ein Problem tut sich abgrundgleich auf: Der Fremdsprachenlehrer möchte eine Sechs im Zeugnis unterbringen. Ein Raunen geht durch die Menge, entrüstet bei den Pestalozziern, feixend bei den Wilhelmianern. Kopfschüttelnd erhebt sich ein altgedienter Pestalozzi-Veteran zur Parade, die Brille zurechtrückend: „Wurde der Schüler schriftlich vorgewarnt?“

Schuldbewusst senkt der Fremdsprachler den Blick. Anerkennendes Nicken unter den Pestalozziern.

Wenig später dann ein neuerliches Scharmützel: Eine Schülerin soll eine Sechs im Fach Kunst bekommen, die verantwortliche Wilhelmianerin dreht sich süffisant zu ihrem Kollegen um: „Mit Vorwarnung.“

Schweißperlen auf den Stirnen der Pestalozzier. Diese Attacke wird nicht so leicht abzuwehren sein. Ein Jungspund versucht die Mitleidskarte zu spielen: „Mit dieser Note bleibt der Schülerin jeglicher Abschluss verwehrt, eine Fünf wäre ausgleichbar…“ Weiter kommt der junge Kollege nicht, denn schon geifert die Kunstlehrerin mit Schaum vor dem Mund: „Wir sind doch hier nicht bei Wünsch-dir-was! Da können wir ja gleich die Lotterie eröffnen! Wenn ich dieser Schülerin keine Sechs gebe, kann ich morgens nicht mehr in den Spiegel gucken!“ Getroffen sinkt der Junglehrer auf seinem Stuhl in sich zusammen. Gepolter auf den Tischen der Wilhelmianer. Der Moderator spürt, dass die Konferenz ihm entgleitet. Hilflos bittet er um Wortbeiträge.


* siehe Folge 12: „Vorsicht beim Umgang mit heterogenen Lehrgruppen“

Ein angegrautes Schulleitungsmitglied meldet sich. Zähneknirschen jetzt bei den Wilhelmsjüngern. Die nächsten Sätze können die Schlacht entscheiden, das weiß hier jeder im Raum. Doch der Vorstoß bleibt überraschend zahnlos: „Welchen Grund gibt es denn konkret dafür?“

Der Gegenangriff kommt prompt: „Die Schülerin hat über die Hälfte des Halbjahres gefehlt.“

„Unentschuldigt?“ Der Alte hat es doch noch drauf.

Verwirrt blättert die Kunstlehrerin in den Akten: „Äh, ja. Also in zwei Fällen.“

„Und ihre Leistungen in den Stunden, als sie anwesend war?“, setzt der Mann aus der Schulleitung nach.

Die Stimme der Wilhelmianerin ist kaum mehr als ein Flüstern: „Schwach befriedigend.“

Der Alte setzt zum Todesstoß an und hebt die Arme: „Unter diesen Umständen…“

Die Kaisertreuen wissen, dass sie verloren haben und strecken die Waffen. Der Konferenzleiter nickt zufrieden: „Gut, dann ändern wir die Note auf Fünf. Rosi, machst du das selber im Programm? Ich kann da ja nicht drauf zugreifen…“ Die ultimative Demütigung.

Die letzten Blicke der Wilhelmianer triefen vor Abscheu, während sie ihre Verwundeten nach draußen begleiten, doch bei einigen mischt sich eine boshafte Vorfreude in das Mienenspiel, wissen sie doch genau, dass am nächsten Tag Konferenzen im neunten Jahrgang stattfinden.

Der letzte Wilhelmianer nickt langsam, während er die Tür schließt.

Beim nächsten Mal seid ihr Staub in unseren Händen.

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