Vier gutgekleidete, schöne junge Menschen beugen sich über gemeinsam angefertigte Notizen, ein Mädchen schreibt etwas auf, zwei andere diskutieren angeregt miteinander, die vierte im Bunde ist einfach nur high und starrt Löcher in die Luft, völlig geflasht von der neuen Erkenntnis, die sie im Laufe der gerade absolvierten Gruppenarbeit gewonnen hat.

Kommt diese Szene irgendjemandem hier bekannt vor, womöglich aus dem eigenen Unterricht?

Nein?

Dachte ich mir. Denn dieses Kammerspiel schulischer Idealbilder stammt mitnichten aus dem wahren Leben, sondern ist auf dem Cover eines Schulbuches zu sehen. Die Botschaft der pädagogischen Propaganda ist klar und deutlich: Mit diesem Buch kannst du es zu etwas bringen, Junge oder Mädchen! Du wirst nicht nur hübscher sein und beim anderen Geschlecht besser ankommen, sondern auch regelmäßig Erweckungserlebnisse wie in einer Südstaatenkirche haben, nur besser!

Auch Lehrkräfte sollen natürlich mit der Macht der schönen Bilder geködert werden: Hey, mit diesem Buch unterrichtet sich deine Klasse fast von allein! Die Aufgaben sind selbsterklärend, die Grafiken intuitiv verständlich und am wichtigsten: Es macht einen Riesenspaß, mit dem Buch zu arbeiten! Und für die ganz Unbelehrbaren klebt vorne ein fetter Aufkleber mit dem Zauberwort „kompetenzorientert“. Wer da nicht zugreift, ist selber schuld!

Das Erfolgsrezept ist simpel, man muss nur auf ganz wenige Punkte achten. Die dargestellte Gruppe muss im passenden Alter, gutaussehend, bestens gekleidet und im Bezug auf Geschlecht und ethnische Herkunft möglichst heterogen sein. Alle Schülerinnen und Schüler sind natürlich mit allen nötigen Arbeitsmaterialien ausgestattet und halten sich in einem ruhigen, aufgeräumten Klassenraum auf, die Größe der Lerngruppe ist kaum zu erahnen, dürfte aber bei etwa acht bis zehn Schülerinnen und Schülern liegen. Es wirkt immer gut, wenn ein elektronisches Gerät jedweder Art in Reichweite auf dem Tisch liegt. Im Hintergrund sorgen farblich akzentuierte Wandzeitungen für die nötige Bildstabilität. Das Wichtigste ist jedoch das Mienenspiel der Hauptakteure. Es müssen knallharte Castings sein, durch die die Gewinner gegangen sind, die wir nun auf den Covern bestaunen dürfen, müssen diese doch den schmalen Grat zwischen orgasmischer Entrückung, staunender Ehrfurcht und Lebensfreude wie beim Junggesellenabschied verkörpern.

Hey, Pythagoras, Baby! If-clauses, High Five! Isch werd bekloppt, wir führen eine Schreibkonferenz durch!

Das Schlimme daran ist: Jeder Schüler und jede Schülerin, die geradeaus gucken kann, durchschaut diese Potemkinschen Dörfer sofort. Während sich der Pädagoge beim Blick auf das Schulbuch noch hin und wieder in Tagträumen verliert, wie schön doch alles sein könnte, betrachtet die Schülerschaft ihre Arbeitsmaterialien eine ganze Ecke nüchterner: „Alter, wie dämlich grinst der!“

Ich warte jedenfalls auf das erste Schulbuch, das eine Gegenbewegung startet: Schulalltag ungeschönt! Übernächtigte Mathelehrer mit Schweißflecken unter den Achseln beugen sich über vermüllte Tische, unter denen Arbeitsmaterialien kaum zu erahnen sind, deprimierte Schüler, die auf die Uhr starrend das Ende der Stunde herbeisehnen, abgebrochene Bleistifte, zerknülltes Papier. Jede Menge zerknülltes Papier. Das würde ungeahnte Motivationsschübe auslösen: „Ey, die Loser auf dem Bild checken doch nix, ich zeig denen jetzt mal, wie Pythagoras geht!“

Offenes Casting Montag bis Freitag, 8 bis 13 Uhr.

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