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Hey, altes Haus.

Scheint, als müssten wir voneinander Abschied nehmen.

War ´ne tolle Zeit mit dir.

Ich meine, wir haben echt viel zusammen erlebt: gemeinsames Frühstück, Land unter beim Abschlussstreich, Krisengespräche, oder diese Viertelstunde nach den Zeugnissen, wenn eigentlich alle losmüssen, aber keiner so richtig gehen mag.

Du warst immer da: Montags morgens, wenn ich die Arbeitswoche gern noch ein paar Minuten länger aussperren wollte, genauso wie sonntags nachmittags, wenn ich wieder mal etwas liegen lassen hatte.

Gut, du gehörtest nicht zu den Ordentlichsten. Hast dich eigentlich ziemlich gehen lassen über die Jahre. Du konntest einfach nichts wegwerfen. Aber du hattest ja uns. Wir haben dich nie hängen lassen.

Sechs Wochen ohne dich im Sommer, das ging schon. Da konnte man sich nach der Rückkehr auf dich freuen. Aber jetzt, für immer…das wird nicht einfach sein, dich zu ersetzen. Klar, größer und neuer ist schon toll, aber du hattest echt Charakter – das muss dir dein Nachfolger erstmal nachmachen!

Allein dein Duft nach frischgebrühtem Kaffee, dabei den Blick auf den Sonnenaufgang gerichtet. Achtzehn Quadratmeter Freiheit, weit weg vom Rest des Wahnsinns, geborgen in verschworener Gemeinschaft.

An deinen Tischen habe ich Zeugnisse unterschrieben, Spiele gespielt, den ersten Spekulatius im September genossen (pfui Deibel!), habe diskutiert und bin verzweifelt, habe Hoffnung geschöpft und herzhaft gelacht, habe um Kollegen getrauert und über den Sinn und Unsinn von all dem hier nachgedacht, während ich mich bei dir anlehnen konnte.

Nach dem Einbruch haben wir mit dir gelitten, deine Wunde versorgt, bis dein Fenster wieder in neuem Glanz erstrahlte.

Sicher, du warst auch stur, hast es uns nicht immer leicht gemacht. Gestank nach verbrannten Kabeln, wer weiß, woher der kommt? Das rechte Fenster, das sich partout nicht öffnen ließ, auch bei 30 Grad nicht, vielen Dank auch! Die Steuerung der Flurlampen, die nur die Erleuchtetsten durchschaut haben. Und diese Hochregale…wie viele sind beim Aufstieg zum höchsten Gipfel nicht über das Basislager auf zwei Meter fünfzig hinausgekommen?

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Aber du hast uns auch zusammengebracht: Niemand konnte sich aus dem Weg gehen, jeder kam dem anderen beim Hinausgehen nahe. Es ging ja gar nicht anders. Du pfeifst einfach auf Corona-Abstandsregeln und erinnerst uns dafür an Grundregeln des Zusammenlebens („Beim Hinaustreten bitte die Kleidung richten!“).

Klar, es gibt andere wie dich, aber nichts, was dir nahekommt.

Ich werde dich vermissen.

Versuchen, mich woanders anzulehnen.

Und einen Kaffee auf dich trinken.

Mein Lehrerzimmer 3004.

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