Neulich in den Sommerferien passierte es: Zuerst sechs Stunden das graue Band mit weißen Streifen und grünem Rand, wie es bei Kraftwerk heißt. Und da ist die Aussicht, egal ob man gerade in Stellingen, Soltau oder Süderbrarup ist, recht ähnlich. Dann aber darf man sich endlich rückengeplagt aus dem Sitz schälen und ist: da. Wo? Tja, um das herauszufinden, haben wir jetzt zwei Wochen Zeit.

Dänemark, soviel steht fest. War so gebucht. Westküste, am Ringkøbing Fjord mit eigenem Strand, aber auch Option auf nicht zu weit entfernte Nordsee. Und der Rest muss erstmal zusammengesetzt werden, wie ein großes Puzzle, von dem man gerade das Stück genau in der Mitte gefunden hat und nun ermessen muss, wie weit es in alle Himmelsrichtungen reicht. Dieser Gedanke kommt mir, als ich am zweiten Abend bei dänischem Mistwetter in der Ferienwohnung sitze und allen Ernstes ein echtes Puzzle zusammensetze, ihr wisst schon, natürlich keines, das man mitgebracht hat, sondern eins, das zur Vermeidung von Lagerkollern im Schrank über dem unvollständigen Mensch-ärgere-dich-nicht steht. Das Puzzle – eine Stadtaufnahme von Paris – erweist sich als mühsam, aber der Gedanke ist gut: Etwas aus der Mitte heraus erforschen. Nicht behutsam vom Rand aus und sich, wie wir es in der Schule so oft zu tun gelernt haben, in schönen didaktischen Trippelschritten vorarbeiten, sondern mit Anlauf mitten hineinspringen. Und dann mal kucken.
Wo habe ich das nochmal zuletzt erlebt? Ach ja, in Hyrule, der fiktiven Welt des Konsolenspiels The Legend of Zelda – Breath of the Wild (und seinem nicht weniger genialen Nachfolger). Auch da beginnt man als Spieler in der Mitte der Landkarte, sorry, Map, und kann sich theoretisch in jede beliebige Richtung bewegen. Open World heißt das Konzept. Einziges Limit ist die Ausdauer des jugendlichen Helden, der zu Beginn noch nicht jeden Berg vor dem Frühstück erklimmen kann. Nach kurzer Zeit war ich gefangen: Die Story war erstmal egal, aber was liegt hinter diesem großen Hügel da vorne? Was hat es mit diesen Zwillingsbergen auf sich? Hey, da vorne liegt ein Floß und die Strömung ist gut – mal sehen, wohin ich damit komme. Zwischendurch stoße ich auf seltsame Türme, die nach Aktivierung ein neues Stück Map anzeigen. Ein großer Spaß, bis…ja, bis der letzte Turm aktiviert und die Map vollständig ist. In der Schule würde man sagen, das Thema ist abgehakt, wir sind alles einmal durchgegangen. Und auch in Dänemark habe ich nach zwei Wochen das Gefühl, zumindest von der näheren Umgebung erstmal alles gesehen zu haben. Da stellt sich ein bisschen Ernüchterung ein.
Es sei denn, man beginnt, in die Ecken zu schauen, die man vorher keines Blickes gewürdigt hat, und Steine umzudrehen, über die man früher hinweggestiegen ist. So erweisen sich Koordinatengleichungen von Ebenen im dreidimensionalen Raum, auf den ersten Blick als zwar händelbare, aber dennoch kryptische Objekte, bei näherem Hinsehen als dreidimensionales Äquivalent einer linearen Funktion! (Davon ist vielleicht nicht jeder so geflasht wie ich…)
Der gute Plinius, hundertmal gelesen, hat doch noch einige Texte auf Lager, die überraschende Einblicke in kaiserliche Ängste vor Revolutionen geben. Auch in einer jahrelang genutzten Software lässt sich immer wieder eine unbekannte Funktion finden. Und eine Präsentation zur Reisevorbereitung der Kursfahrt offenbart geheime Orte in der Renaissance-Stadt Florenz.
Didaktik ist oft ein zähes Brot mit dem immer gleichen Belag: Vorwissen aktivieren – Impuls setzen – sich dem Thema nähern – Gesetzmäßigkeiten erarbeiten – einüben – nächstes Kapitel. Und das ist gut so, will man nicht sein Publikum zu schnell verlieren. Wenn man aber die richtigen Abenteurer*innen an Bord hat, lohnt es sich auch mal einen Dartpfeil auf die didaktische Landkarte zu werfen, genau an der Stelle zwischen Krokodilen und einem Wasserfall sein Basislager aufzuschlagen und zusammen mit Team Mal Gucken genau das zu tun. Und den didaktischen Reiseführer auf dem Nachttisch liegen lassen.
