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Mal eine Frage: Nach welcher Zeitspanne, nachdem man eine Person gesehen hat, ist es sozial anerkannt, wieder erneut zu grüßen? Mein persönliches Gefühl lag ungefähr bei einem Tag: Ich grüße dich heute und morgen dann wieder. In den unteren Jahrgängen der Schule gibt es offenbar ein anderes Zeitgefühl: Gerade noch hat man neunzig Minuten am Stück für allerlei Erkenntnis gesorgt und sich dabei ausgiebig mit den eigenen Schützlingen unterhalten. Irgendwann ist die Stunde zur allgemeinen Freude beendet, die Kleinen flitzen hinaus auf den Flur, man selbst hat noch aufzuräumen. Beim Abschließen dann - also etwa dreißig Sekunden später - begegnen einem dieselben Kinder in anderer Konstellation. Und schon: „Hallo, Herr Hinderks!“ Wo doch das „Bis Donnerstag!“ noch nicht ganz verhallt ist. Moment, denke ich, bist du Leons KLON, der sich mit Leon beim Besuch des Lateinunterrichts abwechselt? Hast du ein extrem schwaches Kurzzeitgedächtnis? Oder bist du - eine Schande, dass mir dieser Gedanke erst als Drittes kommt - einfach nur höflich? Natürlich möchte ich das am liebsten glauben, vermute aber, es gibt noch eine vierte Erklärung: Seht her, liebe Mitschüler*innen, dies ist mein Lateinlehrer und ich kenne ihn und er kennt mich! Wir kennen und schätzen uns gegenseitig so sehr, dass wir uns ganz zwanglos auf dem Flur grüßen, auch mehrmals! Das aber ist sehr wohltuend in Zeiten, da das H-Wort als normale Anrede verwendet wird und zwischenmenschlicher Kontakt in Form von Anrempeln, Stolpernlassen („Gehfehler“) und gemeinschaftlichem Armeausreißen stattfindet. Wo man immer seltener hört: „Interessant, deine Meinung zu dem Thema. Lass mich dir nun darstellen, wie ich darüber denke.“ und auch in höheren Jahrgängen immer öfter: „Halt dein Maul!“

Bild Mr. HO 178kl

Im Dunkeln sieht man Kerzen besser, und so bin ich regelrecht gerührt, als sich eine in der Pause an der Lehrerzimmertür klopfende Schülerin erst einmal dafür entschuldigt, in der absolut verdienten Pause zu stören, bevor sie ihr Anliegen vorträgt. Genauso gibt es noch Schüler*innen, die ohne irgendwelche Hintergedanken - denn sie ziehen als Unbeteiligte keinen Vorteil daraus - Lehrkräften Türen aufhalten, die noch zehn Meter entfernt sind - was dazu führt, dass ich ihnen auch öfter diesen Gefallen tue. Und kaum fassen kann ich es, dass ein Schüler mit unverschämtem Auftreten vor meinen Augen von seinem Kumpel zurecht gewiesen wird: „So kannst du mit ihm doch nicht reden, das ist ein Lehrer!“

Nun gehen aber, das muss man fairerweise sagen, auf der anderen Seite des Lehrerpults Anspruch und Wirklichkeit manchmal auseinander. Ich präsentiere aus den X-Akten des vergangenen Jahrzehnts den Fall: Kuchengate.

Ein Schüler der Oberstufe schickt nichtsahnend eine E-Mail mit folgendem Wortlaut (!) an alle Lehrkräfte:

„Sehr geehrte Lehrkräfte, die SV möchte am kommenden Dienstag, Mittwoch und Donnerstag einen Kuchen- und Eisverkauf als entspannten Einstieg in die Sommerferien starten. Den Erlös wollen wir für künftige Aktionen in die SV-Kasse fließen lassen. Ich wollte im Namen der SV fragen, ob sich jemand findet, der für uns Kuchen backt. Am Montag wollen wir bis 14:00 Uhr im Forum der Oberstufe zur Annahme bereitstehen. Falls jemand spenden möchte, melden Sie sich doch bitte einmal bei mir. Mit freundlichen Grüßen Karl-Heinz Pumpernickel*“

Wenige Stunden später bricht ein Tsunami über die SV-Zentrale herein: Beschwerden von Lehrkräften über dieses unvermutete Anliegen. Es muss ein wahrer Shitstorm gewesen sein, jedenfalls so viele, dass sich der SV-Betreuer kurz darauf genötigt sieht, sich für den Schüler zu entschuldigen. Er müsse seine Wortwahl wohl überdenken. Wie bitte?!

Natürlich hätte man als SV vielleicht erstmal bei der Schülerschaft nach Kuchen fragen können – aber eine derart heftige Reaktion auf eine harmlose Bitte um eine Spende?

Da halte ich es lieber mit John Locke: Die Höflichkeit ist eigentlich weiter nichts als ein vorsichtiges Bestreben, gegen niemand Verachtung und Geringschätzung zu zeigen.

So, das gilt ab sofort für alle!

* Name von der Redaktion geändert