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Under my literal nose unfolded a human drama of danger and intrigue, inspiration and love.

- aus Severance

Eben noch scherzte er im Lehrerzimmer, immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Zuvorkommend und charmant, ein netter Zeitgenosse, mit dem man sich gerne unterhält und der einem beim Hereinkommen die Tür aufhält.

Dann aber ertönt der Gong und setzt eine Art Konditionierung bei ihm in Gang. Mechanisch führt er ein letztes Mal die Kaffeetasse zum Mund. Das Lächeln erstirbt. Die Hand greift den Henkel der Tasche etwas zu fest. Noch bevor er die Klassentür erreicht, entgleisen ihm das erste Mal die Gesichtszüge.

Bild Mr. HO 179kl

„WAS MACHST DU DA?!!“

Der Ton ist gesetzt, von diesem Pegel an geht es nur noch aufwärts. Die Tür schließt sich hinter ihm, akustisch kein Unterschied. Weist Schüler in Schranken, dirigiert Schülerinnen zu ihren Plätzen, kritisiert die allgemeine Einstellung aller. In 100 Dezibel. Würde man ihm in diesem Zustand ansprechen, wäre er kaum wiederzuerkennen: die Brille zur Sicherheit abgelegt, das Gesicht gerötet, die Halsschlagader hervorgetreten, die Haare wirr im Gesicht, und ist das Speichel an der Unterlippe?

Was hat dich bloß so ruiniert, Gerhard?

Kaum eine andere Berufsgruppe bietet das Potential, so sehr zwischen privatem und beruflichem Ich zu trennen wie die Lehrerschaft. Ganz geschmeidig gleitet „Gerdi“ hinüber zu FÜR DICH IMMER NOCH HERR SCHNEIDER-BUTTGEREIT. Man stelle sich nur kurz vor, Nachbar Fränkie, ein leutseliger Herr mittleren Alters, brächte gerade noch die Zeitung aus dem Kasten zur Haustür, um dann, nachdem er in die Postuniform geschlüpft ist, Gift und Galle zu speien: „Wenn der Köter mich noch einmal ankläfft, VERGESSE ich mich!!“ Man führe sich vor Augen, die hilfsbereite Freundesmutti Verena, die man aus dem Kindergarten kennt, verwandelte sich hinter der Käsetheke unvermittelt zur Furie: „Lassen sich ruhig Zeit mit der Auswahl, ich arbeite auch gerne NACHTS!!“

Wie aber geschieht die Rückverwandlung in den jovialen Buddha, der in der Pause sinnierend aus dem Fenster blickt? Vielleicht setzt der Blick auf die Uhr zum Stundenende ein Hormon frei, das die Chill-mal-Zone im Gehirn aktiviert. Oder es gibt einen Mechanismus im Türrahmen und Mr. Jähzorn vergisst im Moment des Überschreitens der Türschwelle prompt seine Ausbrüche wieder. Wie in der Serie Severance, wo das Berufs-Ich („Innie“) beim Herunterfahren im Fahrstuhl Richtung Feierabend wieder zum Außen-Ich („Outie“) wird und sich an nichts erinnert, was in den letzten acht Stunden passiert ist.* Kann nicht behaupten, dass ich die Idee gänzlich abstoßend finde.

Was diese ständige Metamorphose für Außenstehende schwierig macht? Nun, ab und zu wird Gerhard vielleicht zum Thema eines Gesprächs zwischen mir und seinen Schutzbefohlenen: Während diese sich dann über seine Tiraden empören (Schüler*innen lästern soo gerne über andere Lehrkräfte!), versuche ich im Kopf die Bilder von Innie und Outie zur Deckung zu bringen, doch es gelingt mir nicht. Er soll WAS gesagt haben? Im Lehrerzimmer sagt er nicht mal „Scheiße“, sondern immer nur „Humbug“! Und WAS hat er mit dem Störenfried gemacht? Uiuiui, lasst uns für ihn hoffen, dass da jemand keine Rechtsschutzversicherung hat.

Wie dem auch sei, die Transformation von Gerhard zu GerHARD ist ein Phänomen, das einen genaueren Blick lohnt und nicht nur dieses oberflächliche Geblubber, das mein Alter Ego hier von sich gibt. Es verlangt also nach einem etwas seriöseren zweiten Teil dieser Achterbahnfahrt der Küchenpsychologie.

Wir sehen uns. Und bis dahin öfter mal durchatmen und bis zehn zählen. Oder bis zwanzig.

* Keine Sorge, das ist kein Spoiler, sowas nennt man PRÄMISSE. Ihr Ignoranten!