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Siebte Klasse, Thema Balladen. Zur Auswahl stehen der Erlkönig und die Bürgschaft. Zur Auswahl wofür? Zum Auswendiglernen. Ein paar Wochen Zeit, sich Goethes und Schillers Rache in den Schädel zu hämmern und dann heißt es: Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? Weil ich nicht drangenommen werden will! Denn das auswendige Aufsagen ist für manchen der persönliche Horror und steht auf einer Stufe mit Gleichungen lösen an der Tafel und auf der Weltkarte Tansania finden.

Dabei könnte man das Ganze doch locker sehen: Es handelt sich hier um eine reine Reproduktion, didaktisch gesehen Anforderungsbereich I, im Klartext: Kein Transfer, keine eigenen Überlegungen, kein neuer Kontext. Nur das öffentlichkeitswirksame Ausspeien dessen, was man sich im stillen Kämmerlein angefressen hat. Und das mit einem Organ, das erwiesenermaßen mehr Speicherplatz als Open AI hat. Ich weiß, wovon ich spreche – diese Fähigkeit hat damals meine Reli-Note in Klasse 7 im Alleingang gerettet, denn es galt: Zeugnisnote = Note beim Aufsagen von Bonhoeffers Guten Mächten!

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Wo also ist das Problem? Vom gesellschaftlichen Nutzen ganz zu schweigen: Noch Jahrzehnte später, wenn auf irgendeiner Party das Gespräch auf „Weißt du noch, damals?“ kommt, kann der damals Geplagte theatralisch aufspringen, sich in die Brust werfen und stoisch beginnen zu deklamieren: „Zu Dionys dem Tyrannen schlich Damon, den Dolch im Gewande…“ Und nicht eher damit aufhören, bis ihm schallender Applaus in den Ohren klingt. Auswendig Gelerntes beeindruckt, egal ob Schillers Tell, Heinz Erhardts Made oder Fettes Brots „Jein“ (ganz ehrlich: Ich fange im Kopf schon an mitzusingen, wenn jemand nur einen Satz mit „Es ist..“ beginnt.). Und das Auswendiglernen ist eine Jahrtausende alte Kulturtechnik. Schon römische Redner prägten sich ihre ausschweifenden Ausführungen vor Gericht oder im Senat ein - Ablesen war verpönt!

Das jedoch hilft dem armen Schülerlein in seiner Not nicht, wenn es versucht, sich Strophe um Strophe altertümlicher Paarreime in die graue Masse zu gravieren. Und wozu auch? Man muss ja nicht alles wissen, man muss nur wissen, wo es steht, um mal einen (auswendig gelernten!) Spruch zu zitieren, den ich nicht mehr hören kann und der sich mittlerweile schon wieder überholt hat: Man muss nicht einmal mehr wissen, wo es steht, man fragt einfach die allwissende KI! Außerdem haftet dem Einpauken und Aufsagen etwas Altmodisches, nicht mehr Zeitgemäßes an, als käme es aus derselben Kiste wie In-der-Ecke-Stehen und der Rohrstock. Da muss eine kritische Nachfrage erlaubt sein. Zwar wird die Praxis unter Pädagogen größtenteils als sehr sinnvoll erachtet - allerdings gilt das für vieles, das man selbst schon hinter sich gebracht hat und das einem „auch nicht geschadet“ hat (siehe die aktuelle Wehrpflicht-Debatte).

Deshalb hier eine echte Rechtfertigung: Auch wenn mir der Erlkönig auf der körpereigenen Festplatte erstmal nichts bringt, so trainiert er doch meine Fähigkeit, mir längere Passagen überhaupt zu merken. Und die brauche ich, um im Lernen erfolgreich zu sein: Wer im Matheunterricht 4x5 in den Taschenrechner tippen muss, verstrickt sich im Klein-Klein der Nebenrechnungen, anstatt das große Ganze betrachten zu können. Wer jede Vokabel einer Fremdsprache nachschlagen muss, wird nicht flüssig darin lesen und sprechen können. Das gleiche Prinzip gilt für Rahmendaten in Geschichte, Bewegungsabläufe im Sport, Tonfolgen in der Musik, Summenformeln in Chemie usw. Was abgespeichert ist, benötigt keine Energie und Aufmerksamkeit mehr, wenn es benötigt wird. Und die steht dann für die wirklich wichtigen Dinge zur Verfügung. Als Kind faszinierte mich der Kinderarzt, auch wenn ich nicht gerne hingegangen bin: Sobald die Anamnese abgeschlossen war, nannte er aus dem Gedächtnis sofort das passende Medikament, den Hersteller und die richtige Dosierung. Vielleicht ist das bei bestimmten Erkrankungen Standard, damals hat es mich zumindest schwer beeindruckt – heute hingegen fühle ich mich mehr als veräppelt, wenn ein Arzt seine Diagnose allen Ernstes vor mir am Schreibtisch GOOGELN muss!

Auswendig Gelerntes bietet ein Grundgerüst fürs Leben, an dem sich alle möglichen nützlichen Dinge aufhängen lassen. Ohne die Rahmendaten einiger historischer Herrscher und Ereignisse verschwimmen Steinzeit, Antike und Mittelalter zu einer konturlosen Masse: Napoleon, hat der nicht in Ägypten gegen die Pharaonen gekämpft? Wurde Cäsar vom Papst ermordet? Hatten die Nazis Dinosaurier in der Wehrmacht?

Lassen wir also weiterhin den Vater durch Nacht und Wind reiten. Es lohnt sich!