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Denkmäler des Verlusts.

Das war mein Gedanke, als ich die Ebene von Arcus zum ersten Mal betrat. Wochenlang war ich in Cosinien umhergewandert, rastlos, besessen von dem Wunsch, das verborgene Tal zu finden. War über die Kämme des Orthogons geklettert, hatte von den schneebedeckten Hängen von Tangentien herabgeblickt, doch nirgendwo konnte ich den Ort entdecken, den zu finden ich immer gehofft hatte.

Bis mich eines Nachmittags ein plötzlich aufziehender Gewittersturm dazu zwang, meine Route zu ändern. Ich flüchtete mich vor dem Unwetter in eine Höhle, die kein Ende zu nehmen schien, und folgte dem Tunnel, bis ich irgendwann doch wieder Tageslicht erblickte. Ich konnte kaum glauben, was ich dort sah: Vor meinen Augen breitete sich eine Ebene aus, in weiter Ferne begrenzt von den nebelverhangenen Gebirgszügen des Orthogons. Die Ebene von Arcus. Am Ende hatte ich mein Ziel doch noch gefunden.

Doch das war es nicht, was mir den Atem raubte. Aus dem kalkartigen Sand vor mir erhoben sich dutzende, nein, hunderte bizarrer Formationen, jede auf ihre eigene Weise anders geformt.

Denkmäler des Verlusts.

Alle bestanden sie aus einem milchig-glasähnlichen Material, alle trugen sie zumindest Spuren einer Beschriftung. Ich konnte kürzere und längere Linien erkennen, die an ihren Kanten verliefen, auch Zahlen. An einigen Stellen noch klar zu lesen, an anderen verwischt oder von Farbe verdeckt. Offenbar waren sie einst Instrumente für Messungen gewesen. Doch wer auch immer hiermit etwas gemessen hatte, hatte dies schon seit langer Zeit nicht mehr getan. Bruchkanten mit messerscharfen Zacken ragten drohend meterhoch über mir auf, Risse durchzogen das Milchglas, so dass ich, während ich mich ängstlich zwischen ihnen hindurchtastete, befürchtete, das Konstrukt könnte jederzeit auseinanderbrechen und mich unter sich begraben. Manche mussten einmal dreieckige Gestalt gehabt haben, andere waren länglich oder hatten die Form von Halbkreisen. Aber alles an ihnen schrie Verfall und Vergänglichkeit.

Als stumme Zeugen einer Anklage an die Welt standen sie hier, um die Ignoranz der Menschen anzuprangern, Schnelllebigkeit, fehlende Wertschätzung und Nachhaltigkeit, Konsum. Die verlorenen Monumente einer Kultur, die die Suche nach ihnen nie begonnen hatte. Die allzu schnell Ersatz gefunden hatte, den sie aber ebenso wenig schätzte und der früher oder später ebenfalls hier landen würde. Hier, in der Ebene von Arcus.

Ehrfürchtig und deprimiert gleichermaßen taumelte ich weiter voran, bis ich in einiger Entfernung einer besonderen Skulptur gewahr wurde: Sie schien aus elastischem Material gefertigt zu sein, denn anstatt zu brechen, war sie in sich verbogen und breitete so ein blau-transparentes Dach über mir aus. Schön, sicherlich. Aber dennoch war auch dieses Objekt hier gelandet.

Während ich die sonderbare Schönheit der Plastik aus Plastik im Schein der langsam untergehenden Sonne bewunderte, hatte ich gar nicht bemerkt, dass düstere Wolken über mir aufgezogen waren. Erst als nur ein paar Meter neben mir krachend eine weitere der titanischen Scherben im Sand einschlug, wurde mir das Ausmaß der Gefahr bewusst. Mit einem schrillen Pfeifen stürzten die Monumente vom Himmel, zunächst nur hier und da, dann immer zahlreicher. Trafen auf andere Fragmente und zerstörten sie mit ohrenbetäubendem Klirren, so dass von den Zusammenstößen winzige Splitter wie kleine Diamanten durch die Luft schossen.

Hilflos kauerte ich mich unter meinem bläulichen Glasdach zusammen und hoffte, das elastische Material würde den Aufprall der tödlichen Tropfen überstehen. Angstvoll musste ich zusehen, wie immer tiefere Schrammen in den Kunststoff gerissen wurden. Und dann passierte es: Ein besonders großes Trümmerteil spaltete mein schützendes Dach in der Mitte, der Wind riss beide Teile nach oben und ich war nun völlig schutzlos. Vor Angst schreiend versuchte ich mit den Armen meinen Kopf zu schützen. Das Letzte, was ich sah, war eines der scharfkantigen Geschosse, das genau auf mich zuflog.

Und deshalb, liebe Kinder, passt bitte immer gut auf euer Geodreieck auf.