Nur weil man dieselbe Sprache spricht, heißt das nicht, dass man sich immer gegenseitig versteht. Amen, Mr. HO, ganz große Psychologie!
Ich muss zum Beispiel bei der Floskel „das ist kein Thema bei uns“ jedesmal überlegen: Reden sie nicht darüber, weil allen klar ist, wie man darüber denkt? Oder vermeiden sie das Thema, weil es irgendwie unangenehm ist? Und in dem Satz „Du sollst die Oma umfahren!“ hängen die Überlebenschancen der alten Dame ganz entscheidend von der Betonung des letzten Worts ab.
Und dann gibt es da noch so ein Wort wie „klären“. Aber dazu muss ich ein wenig ausholen:
Im Zeitalter der verängstigten Männer, die – ob nun durch Emanzipation, Geschlechterdiversität oder den gesellschaftlichen Fortschritt im Allgemeinen – um ihre Männlichkeit fürchten müssen, geben Parolen auf Blechschildern, T-Shirts oder Kaffeebechern, meist auf drehbaren Verkaufsständern im Kassenbereich von Sonderpostenmärkten zu finden, die dringend benötigte Orientierung. Echte Männer, heißt es da, stünden am Grill, tränken Bier, gingen Angeln, hätten immer Werkzeug dabei und führen Traktor, LKW, Motorrad, Dampflok…jedenfalls irgendetwas Lautes, Stinkendes. Und aus diesem Dunstkreis der Gepeinigten, die sich mithilfe solcher Paraphernalien zumindest einen dünnen Anstrich von Selbstwertgefühl geben können, stammt auch die Formulierung: „Wir klären das wie Männer.“

Damit ist folgendes gemeint: Michael, 36, Halstattoo und Drei-Millimeter-Schnitt, ist bei der Rückkehr von der Herrentoilette der Meinung, dass Thomas, 39, Vollbart und Daumenring, auf seinem Barhocker sitze. Thomas hingegen ist der Meinung, er habe dort schon den ganzen Abend gesessen und Michael solle sich nicht gleich so aufregen. Woraufhin Michael „so einen Hals“ hat und Thomas den modernen Fehdehandschuh hinwirft: „Gehen wir nach draußen und klären das wie Männer!“
Nach draußen deshalb, weil beide so höflich sind und keine weiteren Gäste mit ihrem Konflikt belästigen möchten. Oder um Doppel-Hausverbot zu vermeiden, keine Ahnung.
Man begibt sich dann auf den Parkplatz, vermutlich wortlos, aber was will man auch sagen? Auf Los geht’s los? Möge der Bessere gewinnen? Nächstes Mal gehen wir zu dir?
Es folgt sodann eine unschöne Keilerei, bei der Michael (120 Kilo, aber untrainiert) gegen Thomas (Jiu-Jitsu-Blaugurt) mit zwei gebrochenen Rippen und Platzwunde am Auge den Kürzeren zieht. Und damit ist die Meinungsverschiedenheit dann geklärt. Michael weiß jetzt, dass Thomas von Anfang an Recht hatte und er ihn besser nicht so angepflaumt hätte. Vielleicht weiß er jetzt sogar, dass er dringend mal wieder pumpen gehen sollte, bevor er den Nächsten zum Duell fordert.
Wenn nun aber Schüler*innen mit dem Wunsch zu einer Lehrperson kommen, „etwas klären“ zu wollen, kann das alles Mögliche bedeuten: Neben der oben geschilderten Szene kann es auch sein, dass jemand den Wunsch hat, sein Schimpfwortarsenal nochmal vor Zeugen abzufeuern. Genausogut kann man als Pädagoge zum Tenniszuschauer werden und sich minutenlang hin- und herfliegende Argumente anhören, wonach dann beide Parteien plötzlich auseinandergehen, ohne dass jemand nach einer Lösung gefragt hätte. Und schließlich kann es auch sein, dass man zum Richter über Recht und Unrecht berufen wird und in Ermangelung eigener Lösungsstrategien der Konfliktparteien beiderseits angefleht wird, dem anderen doch bitte „eine Konferenz zu geben“.
Dahinter verbirgt sich natürlich nichts weiter als das Ringen um Aufmerksamkeit eines Erwachsenen. Das merkt man spätestens, wenn derselbe Konflikt zum vierten Mal in einer Woche hochkocht und sich mindestens einer der Streithähne ein Schmunzeln nicht mehr verkneifen kann.
Also: Beim Wort „klären“ ist absolute Vorsicht geboten! Besser man macht einen großen Bogen darum.
Besonders, da es noch eine weitere Bedeutung gibt, nämlich eine andere Person zu liebestechnischen Zwecken für sich gewinnen zu wollen, wie ich gerade erst erfahren habe. Ganz schön abgeklärt, also Achtung Fettnäpfchen-Alarm! Ob das besser als bei Michael und Thomas ist? Immerhin muss niemand ins Krankenhaus.
So, alles geklärt?

