Die Wahrheit ist das Kind der Zeit, nicht der Autorität.
- Bertolt Brecht
So, liebe Kinder, erinnert ihr euch, wie wir beim letzten Mal über den Gong sprachen? Ein Grund, warum wir abbrechen mussten, war, dass wir zu wenig Zeit hatten. Nämlich nur 45 Minuten.
Warum nur 45 Minuten?
Man muss zurückreisen ins Jahr 1898, als eine psychologische Untersuchung mit dem Titel „Ermüdungsmessungen an Schulkindern“ zu dem Ergebnis kam, dass Unterrichtseinheiten mit 60 Minuten Länge und ohne Pause am Ende zu nachlassenden Leistungen führen, besonders am Nachmittag. Daran würde auch die dreistündige (!) Mittagspause nichts ändern. Scheint eine Naturkonstante zu sein.
Dies veranlasste den preußischen Kultusminister August von Trott zu Solz (das Leben schreibt eben doch die besten Gags) im Jahr 1911, die Stunden auf 45 Minuten zu verkürzen, wodurch man gänzlich auf Nachmittagsunterricht verzichten konnte. Und damit war der Rhythmus in deutschen Granit gemeißelt.

Hieß dann aber auch: Sechs Fächer pro Tag, ein wahrhaftes Legionärsgepäck für die armen Lernenden mit all ihren Mappen, Heften, Büchern und der dicke Diercke muss auch noch mit, selbst wenn wir ihn nur in drei Stunden im Schuljahr benutzen.
Nach nur 100 Jahren kamen einige Pädagog*innen ans Überlegen, ob das 45-Minuten-Modell noch zeitgemäß wäre. Zu einer echten Revolution kam es erwartungsgemäß aber nicht, der Minimalkonsens lautete: Doppelstunden. Drei Fächer pro Tag, zwei Nachmittage pro Woche, das ist für alle machbar.
So schnell ließ sich jedoch die 45-Minuten-Stunde nicht verdrängen, denn es gibt ja die dreistündigen Fächer, Klassen- und Übungsstunden!
Nun stellt sich das ein, was in der Psychologie als Kontrasteffekt bekannt ist: Verbessert sich der Normalzustand (von 45 auf 90 Minuten), so wird das „alte Normal“ als viel schlechter empfunden.
Vielleicht schildere ich dazu mal den typischen Ablauf einer Einzelstunde:
Ich komme um 8:34 Uhr in den Raum, es sind etwa 80 Prozent des Kurses anwesend. Bis „alle“ da sind (also alle erwartbaren Personen), werden noch ca. acht Minuten vergehen. Anreise aus abgelegenen Gebäudeteilen, kurzes Gespräch mit der vorherigen Lehrkraft, Fahrrad ist nicht angesprungen – es gibt für alles eine Erklärung.
Dann kommt der hastige Versuch, den Bezug zu letzter Stunde wieder herzustellen, denn wir können nicht nochmal bei Adam und Eva anfangen und außerdem wäre heute eigentlich etwas Neues dran. Dann aber doch zu viel Stirnrunzeln bei der Lerngruppe, das Tafelbild ufert aus, hatten wir doch Freitag lang und breit drüber gesprochen!
Blick zur Uhr: 9:01 Uhr. Jeder vernünftige Mensch würde jetzt den Unterrichtsplan umwerfen und die fünfte Übung zum bisher Behandelten einschieben. Aber nicht mit mir! Nur weil ihr zu dösig zum Wiederholen seid, werde ich nicht meine hehren Ziele aufgeben! Also raus aus dem Quark und rein in die Erarbeitungsphase! Da werden Bücher in Zeitlupe herausgeholt, erstmal in Ruhe die Aufgabenstellung abgeschrieben. Meine Nerven liegen blank. Um 9:13 Uhr sind die Gruppen immer noch in allgemeines Murmeln vertieft. Jetzt habe ich zwei Möglichkeiten: Wir kommen auf Biegen und Brechen zu einem Ergebnis, das ihr dann einfach erstmal abschreibt, Kinder, wir reden morgen ausführlich darüber, wenn wir MEHR ZEIT haben. Oder wir haben eine klassische Cliffhanger-Situation: Wie wird das römische Volk auf die Ermordung Cäsars reagieren? Auf welche praktische Formel wird die längliche Herleitung hinauslaufen? Was will uns der Autor wirklich sagen? Das erfahrt ihr leider erst nächstes Mal.
Nun hinkt der Cliffhanger-Vergleich doch sehr. John liegt mit Bauchschuss mitten im Dschungel und die Folge ist zu Ende (Ja, ich weiß, ich bin SEHR spät dran mit Lost), da möchte man sofort weitergucken. Ein Drama, wenn die nächste Episode noch nicht verfügbar wäre oder man – Gott bewahre – noch im Zeitalter des analogen Fernsehens lebte und eine Woche lang auf die Folter gespannt würde. Aber im Unterricht? Schulterzucken. Passt schon. Während ich im heimischen Arbeitszimmer bange, ob und wieviel von dem heutigen hastigen Einstieg morgen noch da ist, lässt die Lernenden der plötzliche Abbruch völlig kalt.
Fazit: Ich würde die vermaledeiten Einzelstunden gerne ein für alle Mal loswerden. Und noch während ich diese Zeilen schreibe, glimmt am Horizont tatsächlich ein Silberstreif mit dem Namen „Rhythmisierung“ in den Wolken der Schulleitungsplanung auf. Was manche der Älteren schaudern lassen wird, erinnern sie sich doch noch zu gut an jene legendäre Gesamtkonferenz, in der verschiedene Rhythmusmodelle per Kampfabstimmung gegeneinander antraten, so dass letztlich einiges aus dem Takt geriet. Aber nun, mit dem gemeinsamen Feind Einzelstunde, können wir unsere Kräfte bündeln! Ich zähle auf euch!

