Mr. HO
Rügen ist eine der schönsten Inseln, die bisher sehen durfte. Besonders beeindruckt haben mich dort die Bäume. Verwurzelt in einem kalkhaltigen, schnell austrocknenden und noch dazu steil abfallenden Boden, gepeitscht vom ständigen Seewind und den widrigen Elementen der Ostsee ausgesetzt, krallen sie sich gewissermaßen verzweifelt ans Leben und recken sich dennoch stolz in die Höhe, als wollten sie der Natur entgegenrufen: „Das ist alles, was du drauf hast?“
Siebte Klasse, Thema Balladen. Zur Auswahl stehen der Erlkönig und die Bürgschaft. Zur Auswahl wofür? Zum Auswendiglernen. Ein paar Wochen Zeit, sich Goethes und Schillers Rache in den Schädel zu hämmern und dann heißt es: Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? Weil ich nicht drangenommen werden will! Denn das auswendige Aufsagen ist für manchen der persönliche Horror und steht auf einer Stufe mit Gleichungen lösen an der Tafel und auf der Weltkarte Tansania finden.
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So, liebe Kinder, erinnert ihr euch, wie wir beim letzten Mal über den Gong sprachen? Ein Grund, warum wir abbrechen mussten, war, dass wir zu wenig Zeit hatten. Nämlich nur 45 Minuten. Warum nur 45 Minuten? Man muss zurückreisen ins Jahr 1898, als eine psychologische Untersuchung mit dem Titel
Weiterlesen: Mr. HO sagt: „Der tägliche Cliffhanger“ (Folge 174)
Die Schulglocke schrillt, die Türen des Haupteingangs der Elementary School fliegen auf und Ströme kreischender Schülerinnen und Schüler ergießen sich auf den Vorplatz, denn es sind Sommerferien. Auf einmal bahnt sich ein Lehrer den Weg durch die Masse nach draußen, gestikuliert heftig und ruft: „Stopp! Ihr wisst doch noch nicht, wie der Zweite Weltkrieg ausgegangen ist!“ Sofortiges Innehalten und Stille bei allen Kindern. Dann das erlösende „Wir haben gewonnen!“ Der Jubel brandet erneut auf, noch frenetischer als zuvor. USA! USA!
Nur weil man dieselbe Sprache spricht, heißt das nicht, dass man sich immer gegenseitig versteht. Amen, Mr. HO, ganz große Psychologie! Ich muss zum Beispiel bei der Floskel „das ist kein Thema bei uns“ jedesmal überlegen: Reden sie nicht darüber, weil allen klar ist, wie man darüber denkt? Oder vermeiden sie das Thema, weil es irgendwie unangenehm ist? Und in dem Satz „Du sollst die Oma umfahren!“ hängen die Überlebenschancen der alten Dame ganz entscheidend von der Betonung des letzten Worts ab. Und dann gibt es da noch so ein Wort wie „klären“. Aber dazu muss ich ein wenig ausholen:
